Sylvie Schenk - Maman
Gegenwartsliteratur
Verlag: Hanser-Buchverlage
ISBN-13: 978-3-446-27623-9
Seiten: 176 Seiten
Erschienen: 20.2.2023
Umschlaggestaltung: Peter-Andreas Hassiepen, München
Umschlagmotiv: © Viktoriia Oleinichenko / iStock / Getty Images Plus
Zum Inhalt
„Eine Annäherung an die eigene Mutter und eine schmerzhafte Abrechnung: 1916 wird Sylvie Schenks Mutter geboren, die Großmutter stirbt bei der Geburt. Angeblich war diese eine Seidenarbeiterin, wie schon die Urgroßmutter. Aber stimmt das? Und welche Geschichte wird den Nachkommenden mit auf den Weg gegeben?“ (Quelle: Verlagsseite)
Meine Meinung
Das Buch habe ich für einen Lesekreis gelesen, und dafür ist es auch sehr gut geeignet, weil es Stoff zur Diskussion gibt. Und so sehr ich auch verstanden habe, warum das Buch auf genau diese Weise geschrieben ist, hat es mir dennoch nicht gefallen und mich leider auch nicht unterhalten.
Es ist ein autofiktionales Buch, in dem sich Sylvie Schenk auf Spurensuche begibt, die gleichermaßen Annäherung an die eigene Mutter wie auch eine schmerzhafte Abrechnung mit der familiären Vergangenheit ist. Ausgangspunkt ist das Jahr 1916, das Geburtsjahr der Mutter, in dem die Großmutter im Kindbett stirbt. Die Autorin zweifelt an den Geschichten, die man sich in ihrer Familie erzählt und probiert, aus den wenigen Puzzleteilen ihrer Erinnerung herauszufinden, wer ihre Mutter wirklich war.
Leider hat mich das Gesamtpaket des Buches nicht überzeugt: Einerseits ist die Thematik der transgenerationalen Weitergabe von Schmerz und Schweigen sehr interessant, andererseits fand ich den Zugang zur Geschichte sehr schwierig. Es kommt doch sehr klar zutage, dass Sylvie Schenk nur wenige Fakten kennt und vieles dazu dichtet – das reibt sich und hat mich die ganze Zeit auch auf Distanz gehalten.
Renée, Sylvie Schenks Mutter, wirkt sehr verschlossen und ernst. Sie ist eine Frau, die kaum Worte findet und geprägt ist von dem, was sie in ihrer Kindheit und Jugend erlebt hat. Sie scheint immer eine Gefangene der Erwartungen anderer zu sein – erst der Pflegefamilie, dann der Adoptiveltern, die sichtlich bemüht waren, ihr Bestes zu geben, schließlich des Ehemannes. In ihrer Passivität hat sie mir sehr leid getan, sympathisch war sie mir aber nicht und so richtig konnte ich mich auch nicht in sie hineinversetzen. Aber - dieses Bild einer Frau, die keine eigenen Wünsche zu haben scheint und sich stets hintenanstellt, hat mich nachdenklich gestimmt.
Der Schreibstil und der Aufbau des Buches haben mir nicht gefallen, auch wenn ich die Intention verstehe. Die Autorin verzichtet auf eine chronologische Erzählweise und bedient sich eines fragmentarischen Ansatzes, was den Charakter der mühsamen Spurensuche unterstreicht. Wenn von der Mutter die Rede ist, ist die Sprache extrem reduziert, oft nur bestehend aus prägnanten Drei-Wort-Sätzen. Dies spiegelt zwar die Wortkargheit der Mutter wider, machte es mir jedoch schwer, wirklich in die Geschichte einzutauchen oder mich gefesselt zu fühlen. Die sehr kurzen Kapitel von oft nur ein bis zwei Seiten verstärken diesen Eindruck des Sprunghaften. Lediglich in den Passagen, in denen die Autorin ihre eigenen Reflexionen teilt, empfand ich den Stil als flüssiger und für mich ansprechender. Dennoch fehlte mir insgesamt der erzählerische Sog, der mich tiefer in das Geschehen hätte ziehen können.
Mein Fazit
Sylvie Schenk versucht, ein Bild ihrer Mutter zu zeichnen – entstanden ist eine stilistisch eigenwillige Rekonstruktion eines Lebens, die durch ihre formale Strenge besticht, mich aber emotional nicht abholen konnte – dafür war mir die Geschichte einfach zu fragmentarisch. Ein interessantes literarisches Experiment, das mich jedoch mit einer gewissen Distanz zurücklässt.

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