[Rezension] Lisa Ridzén - "Wenn die Kraniche nach Süden ziehen"

Lisa Ridzén - Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
Gegenwartsliteratur
 

 Originaltitel: „Tranorna flyger söderut“ (2024)
 Übersetzerin: Ulla Ackermann
 Verlag: Der Hörverlag
 ISBN-13: 978-3-844-55498-4
 Dauer: 509 Minuten
 Erschienen: 19.1.2026
 Sprecher: Walter Kreye

   
Zum Inhalt
„Bo ist 89 und ihm läuft die Zeit davon. Andererseits ist Zeit wenigstens etwas, das er noch zur Genüge hat. Denn seit seine Frau in einem Pflegeheim für Demenzkranke lebt, sind Bos Tage viel zu lang. Sein Kontakt beschränkt sich auf seinen Hund Sixten und die täglichen Besuche vom Pflegedienst. Hans, sein Sohn, kommt dagegen nur selten vorbei und traut ihm vor allem gar nichts mehr zu. Jetzt will er ihm auch noch den Hund wegnehmen. Dabei braucht Bo seinen geliebten Vierbeiner so dringend wie noch nie. Warum versteht das niemand? Der drohende Verlust seines Hundes bringt Bo dazu, die Schlüsselmomente seines Lebens zu überdenken.“ (Quelle: Verlagsseite)

Meine Meinung
In ihrem Roman nimmt mich die Autorin mit in das Leben von Bo, einem alternden Mann, der den schmerzhaften Prozess des Loslassens erfährt. Die Geschichte ist als ein langanhaltendes Zwiegespräch mit seiner Ehefrau Fredrika gestaltet, die aufgrund ihrer Demenz inzwischen in einem Pflegeheim lebt. Während Bo ihr von seinem Alltag, seinen Gedanken und den kleinen Begebenheiten in seinem Haus im nordschwedischen Jämtland berichtet, wird deutlich, dass er nicht nur gegen die körperliche Gebrechlichkeit kämpft, sondern auch gegen den schleichenden Verlust seiner Autonomie und Identität.

Die Erzählweise hat mich von Anfang an tief berührt. Durch das direkte Ansprechen seiner Frau entstand für mich eine Atmosphäre, die so persönlich und nahbar war, dass ich mich fühlte, als stünde ich direkt neben ihm in der Küche. Bo ist als Figur sehr gut gezeichnet. Er ist kein einfacher Charakter; er ist eigentümlich, manchmal starrköpfig und in seiner Hilflosigkeit auch schon mal kindisch-unbequem. Doch genau diese Ecken und Kanten machten ihn für mich so authentisch. Ich konnte seinen Schmerz darüber, dass ihm alles entgleitet, physisch nachempfinden. Gleichzeitig empfand ich auch für seinen Sohn Hans Verständnis. Obwohl er im Kontrast zu Bos Wünschen oft streng und übervernünftig agiert, war er für mich der besorgte „Kümmerer“, der auf der einen Seite vernünftig das Leben seines Vaters arrangiert und ihn sich damit nicht zum Freund macht, der ihn auf der anderen Seite aber auch liebt und damit nur das Beste für ihn will. Der Konflikt um den Hund Sixten brachte diese Tragik der Situation sehr gut zum Ausdruck – ein Symbol für die schwindende Kraft, die man sich selbst nicht eingestehen möchte, aber auch die Sorge um das Wohlergehen, letztlich hier von Bo und Sixten.

Der Schreibstil ist ruhig, unaufgeregt und gerade deshalb so gewaltig. Die Geschichte verzichtet auf große Effekthascherei und konzentriert sich stattdessen auf die bittere Realität des Alterns und die Fragilität des Lebens. Für mich war der Aufbau der Erzählung perfekt gewählt, da der Fokus auf Bos Innenansicht liegt und ich den Perspektivwechsel bereichernd empfand. Es ist keine aufmunternde Lektüre, sondern eine schmerzhaft ehrliche Auseinandersetzung mit dem Altern. 

Walter Kreye als Sprecher war für mich eine Idealbesetzung. Seine reife, leicht raue und knarzende Stimme verlieh Bo eine unglaubliche Tiefe und Würde. Die Art und Weise, wie er die Sätze betont, hat mich vollkommen in die Geschichte hineingezogen und bis zum Ende gefesselt.

Mein Fazit
Ein zutiefst erschütterndes und zugleich wunderschönes Werk über die Unausweichlichkeit des Alterns. Lisa Ridzén gelingt ein authentisches Porträt menschlicher Zerbrechlichkeit, das durch die großartige Interpretation von Walter Kreye als Sprecher lange nachhallt. Eine emotionale Geschichte, die mich berührt und nachdenklich gemacht und völlig abgeholt hat.



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