[Rezension] Roman Graf - "Niedergang"

Roman Graf - Niedergang
Gegenwartsliteratur
 

 Verlag: Knaus-Verlag
 ISBN-13: 978-3-641-10881-6
 Seiten: 204 Seiten
 Erschienen: 26.8.2013
 Umschlaggestaltung: Atelier September (Berlin)
 Umschlagabbildung: © Lukas Lienhard

   
Zum Inhalt
André und Louise brechen auf zu einer Bergtour in die Schweizer Berge. Sie wollen hoch hinauf und scheinen für ihr Abenteuer gut gerüstet. Doch je näher sie dem Gipfel kommen, desto mehr entfernen sie sich voneinander. Als Louise aufgibt, ist das für André kein Grund, es ihr gleichzutun. Er will unbedingt zu Ende bringen, was er einmal angefangen hat.

Meine Meinung
Ich liebe ja Bücher, in denen es kalt ist und in denen Berge zum Plot gehören – und hatte mich daher sehr auf dieses Buch gefreut. Kann man aber mit den beiden Themen nichts anfangen, dann wird dieses Buch eher langweilig sein. 

Der Autor nimmt mich mit auf eine hochalpine Tour, die weit über eine rein sportliche Herausforderung hinausgeht. Im Mittelpunkt der Handlung stehen André, ein ambitionierter Schweizer Bergsteiger, und seine Freundin Louise – gemeinsam versuchen sie, einen Gipfel zu bezwingen. Was als sportliches Vorhaben beginnt, entwickelt sich schnell zu einer existenziellen Belastungsprobe. Während der Aufstieg sie physisch an ihre Grenzen führt, offenbaren sich zudem tiefen Risse in ihrer Beziehung. Die Bergtour wird hierbei zur Bühne für einen psychologischen Kampf, bei dem die äußere Natur und die innere Gefühlswelt der Protagonisten miteinander verschmelzen.

Mich hat besonders die klare, präzise und oft fast leidenschaftslose Sprache beeindruckt, mit der der Autor die Atmosphäre der Bergwelt, aber auch der abkühlenden Beziehung wunderbar einfängt. In der ersten Hälfte des Buches dominiert eher die bröckelnde Beziehung zwischen Louise und André, in der zweiten dann der Kampf mit dem Berg – dabei gibt es viele Beschreibungen der Landschaft und des Bergsteigens mitsamt aller Technik und Tools, die gebraucht werden – das kann für den einen oder anderen Leser sicher langweilig sein. 

Die Charaktere waren mir nicht wirklich sympathisch, dennoch habe ich ihre Tour mit Spannung begleitet. André scheint sich vordergründig um seine Freundin zu kümmern, dann aber geht seine Empathie für Louise doch verloren, und sein großer Traum, den Berg zu erklimmen, tritt mehr und mehr in seinen Fokus. Fast schon stur hält er an eigenen Plänen fest – zwar hat mich seine Zielstrebigkeit beeindruckt, sie grenzt aber auch an Rücksichtslosigkeit. Louise wiederum wirkt von Beginn an nörgelig und wenig sympathisch, und ich habe mich mehr als einmal gefragt, warum sie diese Tour überhaupt angetreten ist, wenn ihr Regen, Nebel und Anstrengung so offensichtlich missfallen.

Der Aufbau der Geschichte lebt von der stetig wachsenden Spannung zwischen den beiden Polen: der Beziehung und dem Berg. Der Autor spielt dabei die Energie und Willenskraft Andrés gegen Louises Widerwillen auf beeindruckende Weise gegeneinander aus. 

Mich hat das Buch wirklich gefesselt – gerade auch die zweite Hälfte, in der man André sehr nahe ist und ihn bei seinem Kampf mit den Naturgewalten, aber auch mit sich selbst, begleitet. 

Mein Fazit
Ein tolles Buch, bei dem nicht nur die Erklimmung eines Berges, sondern auch der Zerfall einer Beziehung auf plastische Art dargestellt wird. Es gibt keine Sentimentalitäten, dafür aber eine fast schon unterkühlte und klare Sprache, die die Atmosphäre sehr gut einfängt. Ein lesenswertes Werk für alle, die die Berge lieben und sich vor den Abgründen der menschlichen Psyche nicht scheuen.




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