[Rezension] Szczepan Twardoch - "Kälte"

Szczepan Twardoch - Kälte
Zwei Zeitebenen
 

 Originaltitel: „Chołod“ (2022)
 Übersetzer: Olaf Kühl 
 Verlag: Rowohlt-Verlag
 ISBN-13: 978-3-644-01757-3
 Seiten: 432 Seiten
 Erschienen: 16.4.2024
 Covergestaltung: Anzinger und Rasp, München
 Coverabbildung: Scott’s Last Expedition, Dog Team Resting. Fotografie von Herbert George

   
Zum Inhalt
„Der Kampf eines Mannes, der nichts zu verlieren hat. Gegen die Welt und sich selbst. Einst war Konrad Widuch begeisterter russischer Revolutionär, kämpfte in der Reiterarmee. Unter Stalins Herrschaft verliert er alles, den Glauben an die Sowjetunion, seine junge Familie, die Zukunft. Aus den Schrecken des Gulag kann sich Widuch mit äußerster Härte befreien – und steht vor dem Nichts: in den Weiten der Taiga, einer atemberaubend schönen wie tödlichen Welt. Zusammen mit der Russin Ljubow und dem mitgeflohenen Gabaidze wird er von den Ljaudis gefunden. Bei dem archaischen Volk entdeckt Widuch ein fremdes Leben voll arktischer Exotik, ungeahnter Stille, eine Welt mit unbegreiflichen Göttern; der versehrte Gabaidze wird zum Schamanen. Als ein russisches Flugzeug landet, müssen Widuch und die schwangere Ljubow sich wehren und sind bald wieder auf der Flucht, allein im höchsten Norden.
Szczepan Twardoch schickt seinen Helden auf eine zum Zerreißen spannungsvolle Lebensreise, die Konrad Widuch immer wieder nur mit Gewalt bestehen kann. Russland, der hohe Norden, das 20. Jahrhundert in all seinen Abgründen prägen diesen Weg. Wie oft kann man sich selbst besiegen, ohne seine Menschlichkeit zu verlieren?“ (Quelle: Verlagsseite)

Meine Meinung
Ich bin mit sehr hohen Erwartungen an dieses Buch herangegangen, da der Autor aktuell als großer europäischer Schriftsteller gefeiert wird. Besonders das Cover und der Titel haben mich angesprochen, da ich eine Schwäche für Geschichten habe, die in rauen, kalten und unbarmherzigen Landschaften spielen.

In „Kälte“ verwebt Szczepan Twardoch zwei Zeitebenen: In der Gegenwart begibt sich ein Erzähler aufgrund einer persönlichen Krise auf eine Segelyacht in die arktischen Gewässer rund um Spitzbergen. Dort stößt er auf die Aufzeichnungen von Konrad Widuch, einem ehemaligen schlesischen Revolutionär, der 1946 aus einem sowjetischen Gulag floh. Widuchs Manuskript beschreibt seine Flucht durch das Eis, sein Überleben bei einem indigenen Volk im hohen Norden und das quälende Warten auf das Aufbrechen des Packeises, während er seine Lebensgeschichte niederschreibt.

Der Einstieg hat mich auch direkt abgeholt: Die Schilderungen der Auszeit auf dem Segelschiff, die kargen Stunden am Steuer und das Gefühl des eiskalten Wassers fand ich großartig, atmosphärisch dicht und gut eingefangen. Ich konnte den Wind und das Salz förmlich auf der Haut spüren, und diese Passagen haben mir genau das gegeben, was ich so gerne lese und in Büchern erlebe. 

Doch meine Begeisterung erhielt einen herben Dämpfer, als der Roman in das Tagebuch von Konrad Widuch gesprungen ist, die zweite Erzählebene. Mit Konrad Widuch wurde ich leider überhaupt nicht warm. Das lag vor allem an der Art und Weise, wie sein Part gestaltet ist. Obwohl seine eigentliche Lebensgeschichte und das Schicksal im Gulag hochinteressant wären, war der Schreibstil dieses Manuskripts für mich extrem anstrengend, fast schon unlesbar. Für mich war die Erzählweise verwirrend, da kein roter Faden stringent verfolgt wird und sich Konrad Widuch als Schreiber immer und immer in Details verliert und vom eigentlichen Kern abschweift. Das sagt natürlich viel über seine Situation aus, aber auch viel über ihn als Figur und Charakter – und hat ihn mir leider nicht sympathischer gemacht. Und so konnten mich seine – eigentlich interessanten und spannenden - Erlebnisse weder packen noch fesseln. Während ich die Gegenwartsebene regelrecht verschlungen habe, hat mich dieses Manuskript bzw. Tagebuch sehr gebremst. Ich verstehe den künstlerischen Ansatz – ein Mann, der im Eis feststeckt und nichts als Zeit hat, schreibt halt so, wie ihm alles in den Kopf kommt, und dann auch vielleicht wirr und repetitiv –, aber für mich war es stellenweise kaum lesbar. 

So bleibe ich sehr zwiegespalten zurück: Den Erzählpart in der Gegenwart habe ich geliebt, aber durch das Manuskript musste ich mich regelrecht hindurchkämpfen, ohne jemals eine echte Verbindung zur Hauptfigur aufzubauen.

Mein Fazit
Das Buch lässt mich leider sehr zwiegespalten zurück - die atmosphärische Intensität in der Gegenwartsebene hat mich beeindruckt, der sperrige Stil der historischen Zeitebene hat es mir dagegen sehr schwer gemacht. Ein Buch voller Kontraste zwischen fesselnder Naturerfahrung und mühsamer Lektüre. 



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