Eva Lohmann - Das leise Platzen unserer Träume
Gegenwartsliteratur
Verlag: Eisele-Verlag
ISBN-13: 4-099-994-65057-1
Dauer: 301 Minuten
Erschienen: 31.8.2023
Sprecherin: Eva Lohmann
Zum Inhalt
„Ein Haus auf dem Land. Das hast du dir immer gewünscht, Jule. Dazu ein wilder Garten, durch den eure Kinder rennen. So hast du dir das Glück vorgestellt. Doch die Kinder sind nie gekommen. Und dein Mann hat jetzt eine Affäre in der Stadt. Ihr Name ist Hellen, und Hellen denkt viel an dich. Vielleicht ein bisschen zu viel. Oft fragt sie sich, warum du und dein Mann noch immer zusammen seid. Wie zwei Menschen es so lange miteinander aushalten können, wenn ihre gemeinsamen Träume doch längst geplatzt sind. Aber von alldem hast du keine Ahnung, Jule. Du weißt nicht von Hellen und nicht von ihren Fragen. Noch nicht. Noch sitzt du da, in deinem hübschen Garten, und überlegst, ob das, was du hast, vielleicht doch reichen könnte, um glücklich zu sein.“ (Quelle: Verlagsseite)
Meine Meinung
Jule lebt den Traum, den sie und ihr Mann David sich immer gewünscht haben: ein Haus auf dem Land, umgeben von einem wilden Garten. Doch die Idylle trügt, denn die Stille im Haus wird zunehmend zur Belastungsprobe für ihre Ehe. Während Jule noch versucht, an ihrem Bild vom Glück festzuhalten, hat David sich abgewandt – zu Helen, einer Frau in der Stadt, die aus der Ferne Jules Leben hinterfragt. Doch auch ihr Schicksal ist auf schmerzhafte Weise mit dem von Jule und David verknüpft.
Ich habe dieses Hörbuch sehr gerne gehört – es ist stimmungsvoll, authentisch und berührend. Besonders beeindruckt hat mich die Ruhe, die diese Geschichte ausstrahlt; es gibt kein lautes Gezeter, keine dramatischen Schreie, sondern eine tiefe, fast schon schmerzhafte Reflexion der eigenen Lebensumstände. Ich fühlte mich beim Hören, als säße ich mit einer guten Freundin zusammen, die mir ganz aufrichtig ihr Herz ausschüttet.
Eva Lohmann liest ihr Buch selber – wenn Autoren ihr Buch selber einsprechen, gelingt das oft nicht gut, denn bloß weil man schreiben kann, ist man nicht automatisch ein guter Hörbuchsprecher. Bei Eva Lohmann aber ist es anders - sie liest ihre Geschichte sehr feinfühlig ein; ihre Stimme wirkt auf mich jung, manchmal fast ein bisschen kindlich, was aber hervorragend zu der verletzlichen Grundstimmung passt. Es entsteht eine ganz eigene Intimität, und gerade diese Ruhe im Erzählton hat mich sofort gefesselt.
Jule ist mir in ihrer selbstreflektierten Art sehr sympathisch, auch wenn ich beim Zuhören oft den Impuls spürte, sie sanft zu schütteln. Sie hat sich in ihrer Ehe eingerichtet und sich selber dabei Stück für Stück vergessen. Dass sie zwar vieles hinterfragt, aber den entscheidenden Schritt zur Trennung hinauszögert, macht sie für mich sehr menschlich und greifbar. Auf der anderen Seite steht Hellen – eine Frau, die in sich ruht und sehr klar artikuliert, dass sie nach einer gescheiterten Ehe keine feste Bindung mehr will. Obwohl ich ihr Verhalten als „Nebenbuhlerin“ moralisch nicht gutheiße, mochte ich ihre ungeschönte Perspektive. Sie kämpft sich durch den stressigen Alltag einer Alleinerziehenden und vermarktet ihr Familienleben auf Instagram, um finanziell zu überleben. Dieser Kontrast zwischen der Ehefrau und der Affäre wird hier ohne Gezeter oder lautes Geschrei behandelt, was ich als sehr wohltuend und reif empfunden habe.
Es sind verschiedene Themen, die in dem Buch miteinander verwoben sind. Den Gegensatz zwischen dem vermeintlich ruhigen Dorfleben und dem pulsierenden Stadtleben hat die Autorin gut herausarbeitet. Auch das schmerzhafte Thema „Kind versus Kinderlosigkeit“ behandelt sie sehr sensibel; die Leere in Jules Haus steht im direkten Kontrast zu Hellens stressigem Alltag mit zwei Kindern. Und - das Buch stellt die unbequeme Frage, warum wir oft so lange an Fassaden festhalten, obwohl die gemeinsamen Träume längst geplatzt sind.
Der Schreibstil hat einen wunderbaren Sog entwickelt. Die Geschichte wechselt zwischen den Perspektiven von Jule und Hellen, wobei die Namen den Kapiteln jeweils vorangestellt sind, was eine gute Orientierung gibt. Es gibt kaum Dialoge, dafür aber Gedanken der beiden Hauptfiguren, an denen ich nahezu gehangen habe - es ist ein ruhiges, kluges Buch, das zeigt, dass man erst erkennen muss, dass ein Kampf aussichtslos geworden ist, um den Weg für einen wirklichen Neubeginn freizumachen. Ich war ganz nah an der Geschichte und habe das leise Verschwinden der Liebe förmlich mitfühlen können.
Mein Fazit
Ein unheimlich feinfühliges Werk über die Schwierigkeit, sich das Scheitern eigener Lebensentwürfe einzugestehen. Eva Lohmann beschreibt das Zerbrechen von Träumen präzise und unaufgeregt – und dennoch – oder vielleicht auch gerade deshalb – konnte ich mich der ruhigen Geschichte nicht entziehen. Für mich ein absolut empfehlenswertes Hörbuch, das durch die authentische Lesung der Autorin eine ganz besondere, private Tiefe gewinnt.

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