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[Rezension] Thorsten Pilz - "Weite Sicht"

Thorsten Pilz - Weite Sicht
Gegenwartsliteratur
 

ISBN-13: 978-3-785-72837-6
Seiten: 286 Seiten
Ersterscheinung: 31.3.2023
Umschlaggestaltung: Barbara Thoben, Köln
Umschlagmotiv: Private Collection © T. S. Harris

   
Zum Inhalt
„Charlotte, die nach dem Tod ihres Mannes in Frage stellt, woran sie so lange glaubte. Gesine, die Hilfe braucht und nicht weiß, wie sie darum bitten soll. Sabine, die einsam ist und sich nicht damit abfindet. Und die Dänin Bente, der Freigeist, die Unruhestifterin, die fürchtet, nicht mehr genug Zeit zu haben für das, was sie noch vorhat. Nach vielen Jahren taucht Bente plötzlich wieder in Hamburg auf und wirbelt Charlottes Leben durcheinander. Mit ihrem Humor, ihrer Begeisterung für die Schriftstellerin Karen Blixen und ihrer Abenteuerlust.“ (Quelle: Verlagsseite)

Meine Meinung
Das Cover hatte mich neugierig gemacht und eine Leseprobe war dann sehr überzeugend – und auch nach Beenden muss ich sagen, dass mir das Buch gefallen hat, denn es ist eine besondere Geschichte.

Das Buch beginnt mit dem Tod Friedrichs – er war der Ehemann Charlottes, die nun mit ihren 71 Jahren alleine im Leben steht. Aber nicht lange, denn der Tod Friedrichs löst einiges aus – nicht nur bei Charlotte, sondern auch bei Gesine, Charlottes Schwester und Sabine, eine „Ziehschwester“, die früh Waise wurde und dann in Charlottes Familie aufgewachsen ist. Und schließlich taucht nach Jahren auch eine alte Freundin von Charlotte auf, die Dänin Bente, die immer schon besonders war und die auch jetzt eine wichtige Rolle für Charlotte spielen wird.

Der Leser begleitet die vier Frauen über einen Zeitraum von 242 Tagen – und in denen passiert eine ganze Menge. Mir hat sehr gut gefallen, dass die Hauptfiguren gesetzteren Alters sind, ich zumindest erlebe das in Romanen eher selten; toll ist aber, dass sie trotzdem voller Leben sind – und das prägt dann auch die ganze Geschichte. Charlotte schient nach Friedrichs Tod nachzuholen, was sie während ihrer Ehe versäumt oder – besser gesagt – verdrängt hat. Charlotte wirkt in der Geschichte immer ruhig und überlegt und hat sich in ihrem Leben immer eher untergeordnet – damit ist es aber nun vorbei und sie tut genau das, was sie will, ohne es mit anderen abzustimmen. Das führt natürlich zu Unverständnis und Problemen, für sie selbst bedeutet das aber auch Befreiung aus einem selbstgewählten Gefängnis. 

Ihre Schwester Gesine muss sich nach einem folgenschweren Fehler ebenfalls neu organisieren; sie ist eine Frau voller Energie und Kraft, die auf der einen Seite zwar sehr extrovertiert ist und ihr Publikum braucht, die sich auf der anderen Seite aber auch nicht unterkriegen lasst und weiß, wann es Zeit ist, auch mal leise zu sein und sich zu entschuldigen. 

Sabine ist wiederum ganz anders – sie hängt gedanklich immer noch in ihrer Ehe fest, obwohl diese schon seit einigen Jahren beendet ist, aber auch sie wird wachgerüttelt und muss sich ihren Gefühlen und Ängsten stellen und wächst so auch ein bisschen über sich hinaus.

Der Paradiesvogel der vier Frauen ist aber Bente, unkonventionell war sie schon immer und diese unkonventionelle Art hat sie sich auch im Alter bewahrt. Bente hat aber auch ihre Grenzen erfahren, und das ist der Grund, warum sie plötzlich wieder in Charlottes Leben auftaucht. 

Der Schreibstil ist leicht zu lesen und schafft sehr unterschiedliche, aber immer passende Atmosphären. Durchweg ist es eher eine melancholische Stimmung, trotzdem aber macht das Buch auch Mut, Dinge anzugehen, egal, wie alt man ist, und es gibt Hoffnung, weil in allem, was Schlimmes passiert, immer auch irgendetwas Gutes steckt, was man zugegebenermaßen finden und entdecken muss. Es sind viele Themen, die in diesem eher kurzen Buch angeschnitten werden – es geht um Lieben und Sterben, um Trauer und Verlust, aber auch um Wiederfinden und den Wert von menschlichen Beziehungen. Obwohl es so viele Themen sind, hatte ich nicht das Gefühl, dass irgendetwas zu kurz kommt. Dazu kommt noch ein weiteres, das ich aber nicht benennen möchte, da es die Geschichte spoilern würde – ab der Mitte des Buches ahnt man, auf was es hinausläuft und ich finde toll, dass auch dieses eher tabuisierte Thema hier einen Platz findet.

Und doch muss ich einen Stern abziehen, weil mir in dieser Geschichte der Tod doch zu präsent war – natürlich liegt das auch in der Natur der älteren Charaktere, an mancher Stelle hätte ich mir aber gewünscht, dass nicht die Schwere und Melancholie überwiegt, sondern die auch immer vorhandene Hoffnung und Stärke. Ich gebe dem Buch daher gute 4 von 5 Sternen.

Mein Fazit
Eine berührende und stimmungsvolle Geschichte, in denen gleich vier ältere Frauen im Mittelpunkt stehen, die ihren Leben neue Richtungen geben. Ich mochte die Atmosphäre sehr und habe mich gut in die Figuren einfühlen können – und trotz einiger schwerer Themen gibt das Buch auch Hoffnung und Kraft. Ich gebe gute 4 von 5 Sternen.

WERBUNG: Vielen Dank an Vorablesen und den Lübbe-Verlag für das Bereitstellen des Rezensionsexemplars.

1 Kommentar:

  1. Liebe Sabine,
    ich habe den Roman auch gemocht und ebenfalls mit guten 4 Sternen bewertet. Mir hat auch gefallen, wie ein männlicher Autor die weibliche Sicht so gut beschreiben kann. Alle vier Figuren sind außerdem so unterschiedlich und wirklich toll beschrieben.
    Liebe Grüße
    Martina

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