Téa Obreht - Die Tigerfrau
Gegenwartsliteratur
Originaltitel: „The Tiger’s Wife“ (2011)
Übersetzerin: Bettina Abarbanell
Verlag: Rowohlt-Verlag
ISBN-13: 978-3-871-34712-4
Seiten: 416 Seiten
Erschienen: 9.3.2012
Umschlaggestaltung: Anziger | Wüschner | Rasp, München
Umschlagabbildung: Getty Images
Buchrückentext
„Alles, was nötig ist, um meinen Großvater zu verstehen, liegt zwischen zwei Geschichten: der von der Tigerfrau und der von dem Mann, der nicht sterben konnte. Diese beiden Geschichten fließen wie geheime Ströme durch all die anderen Erzählungen seines Lebens – von seinen Tagen beim Militär; seiner großen Liebe zu meiner Großmutter; seinen Jahren als Chirurg und an der Universität gefürchteter Tyrann. Die eine, die ich erst nach seinem Tod zu hören bekam, handelt davon, wie mein Großvater zum Mann wurde; in der anderen, die er mir selbst erzählt hat, wurde er wieder zum Kind.“
Meine Meinung
Ich denke, ich hätte zu diesem Buch nicht gegriffen, wenn es nicht für einen Lesekreis ausgesucht worden wäre – denn mit magischem Realismus habe ich so meine Probleme. Und leider konnte mich das Buch dann auch tatsächlich nicht richtig begeistern.
In ihrem Debütroman führt uns Téa Obreht in ein fiktives, vom Balkankrieg gezeichnetes Land. Die junge Ärztin Natalia ist gemeinsam mit einer Kollegin unterwegs, um Kriegswaisen zu impfen. Doch dieser äußere Rahmen dient primär als Bühne für eine sehr persönliche Suche: Denn Natalia versucht, den Spuren ihres verstorbenen Großvaters nachzugehen und das Rätsel um seinen Tod zu lösen. Dabei verweben sich ihre gegenwärtigen Erlebnisse untrennbar mit den Erzählungen des Großvaters über die mysteriöse „Tigerfrau“ und den „Mann, der nicht sterben kann“.
Ich muss anerkennen: Téa Obreht kann zweifellos hervorragend schreiben. Sie nutzt eine wunderbar klare und poetische Sprache, die ganz ohne komplizierte Schnörkel oder künstliches Pathos auskommt. Dennoch bleibt bei mir nach der Lektüre kaum mehr als diese rein handwerkliche Erkenntnis. Obwohl die Autorin eine atmosphärisch dichte Welt erschaffen hat und mich in einzelnen Passagen durchaus fesseln konnte, fand ich oft keinen echten Zugang zur Geschichte.
Die Charakterzeichnung der Hauptfigur und die innige Verbindung zu ihrem Großvater sind zwar spürbar, doch für mich fungierte der Großvater nicht stark genug als Bindeglied zwischen den verschiedenen Erzählsträngen. Während mich die realistischen Schilderungen der Gegenwart und Natalias persönliche Erinnerungen angesprochen haben, sie mitunter aber auch etwas langatmig waren, konnte ich den mythologischen Binnenerzählungen wenig abgewinnen, auch wenn sie viel lebendiger waren als der Rest des Romans. Dennoch passten beide Figuren für mich nicht richtig in die Geschichte – sie haben den eh schon kaum vorhanden „roten Faden“ noch mehr verknotet und sich nicht natürlich in die Erzählebenen eingewebt. Bisweilen wirkten sie auf mich wie eine Aneinanderreihung von Klischees, die man vielleicht von Bewohnern abgeschiedener Balkan-Dörfern hat.
Die ambitionierten und komplexen Handlungsbögen fügten sich leider nicht zu einem großen Ganzen zusammen - so empfand ich weite Teile des Romans aufgrund ihrer Ausführlichkeit als langatmig. Insbesondere zu dem Großvater, der als sehr besonderer Mensch vorgestellt wird, konnte ich leider keine Verbindung aufbauen. Insgesamt wird so leider viel erzählt, aber für mich persönlich zu wenig ausgesagt, sodass das Werk trotz seiner sprachlichen Brillanz bei mir keinen bleibenden Nachhall erzeugen konnte.
Mein Fazit
Ein sprachlich wirklich gutes und atmosphärisches Werk, das mich rein handwerklich überzeugt. Inhaltlich verlor mich der Roman jedoch in seinen unverbundenen mythologischen Exkursen und Längen. Ein literarisch schöner, aber für mich wenig fesselnder Ausflug in den magischen Realismus des Balkans.

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