[Rezension] Katie Kitamura - "Intimitäten"

Kati Kitamura - Intimitäten
Gegenwartsliteratur
 

 Originaltitel: „Intimacies“ (20.7.2021)
 Übersetzerin: Kathrin Razum
 Verlag: Goya Lit                   
 ISBN-13: 978-3-8337-4558-4
 Seiten: 360 Minuten
 Erschienen: 17.8.2022
 Sprecherin: Katja Danowski

   
Zum Inhalt
„Die heimatlose Erzählerin verlässt New York, um am Internationalen Gerichtshof als Dolmetscherin zu arbeiten. Als sie Adriaan kennenlernt, scheint Den Haag zur Antwort ihrer Sehnsüchte zu werden. Doch dann verschwindet er zu seiner Noch-Ehefrau und hinterlässt nichts als Fragen. Fragen, die sich zu einem existenziellen Abgrund auftun, als sie für einen angeklagten westafrikanischen Kriegsverbrecher dolmetschen muss und zweifelt: Was ist kalkulierte Lüge, was Wahrheit? Glauben nur noch die Naiven an Gerechtigkeit? Wer kann über wen richten? Wer legt unsere Weltordnung fest?“ (Quelle: Verlagsseite)

Meine Meinung
Im Mittelpunkt steht eine namenlose Dolmetscherin, die von New York nach Den Haag zieht, um am Internationalen Gerichtshof zu arbeiten. Beruflich ist sie mit menschlichen Abgründen konfrontiert, da gibt ihr die Beziehung zu Adriaan Sicherheit. Als dieser jedoch den Kontakt während einer Reise zu seiner „Noch-Frau“ abbricht, gerät das mühsam aufgebaute Sicherheitsgefühl der Protagonistin ins Wanken.

Mich hat vor allem die beklemmende Atmosphäre beschäftigt, die die Autorin hier zeichnet. Die Schilderungen am Gerichtshof sind eindringlich und haben mir einen guten Einblick gegeben: diese physische Nähe, in der man einem mutmaßlichen Kriegsverbrecher die eigenen Worte ins Ohr flüstert, ist ein interessanter Aspekt. Diese erzwungene Intimität mit dem Bösen wurde für mich greifbar. Auch die unterschwellige Bedrohung, die sich durch einen Überfall in der Nachbarschaft und Adriaans Verschwinden zieht, war spürbar, obwohl der Roman kein klassischer Thriller ist.

Es gibt viele Einblicke in die Gedanken  der Erzählerin – und trotzdem ist sie mir fremd geblieben. Dabei war sie mir sympathisch, und vieles habe ich gut verstanden und nachvollziehen können. Sie ist eine starke Frau, die selbstbewusst als Dolmetscherin auftritt – und verständlich auch, dass sie da privat Nähe und Geborgenheit sucht, einen Ort, wo sie sich fallen lassen und sie selbst sein kann. Adriaan bleibt ein bisschen blass – ich habe ihn nicht empfunden als den starken Partner, sondern leider immer nur problembehaftet. Das aber ist sicher der Erzählperspektive geschuldet, denn man bekommt ihn ja nur aus Sicht der Erzählerin dargestellt. 

Der Schreibstil ist präzise und klar, gleichzeitig war mir der Spannungsbogen zu flach – durch den gleichmäßigen Erzählfluss hat mich die Autorin an manchen Stellen leider verloren. Die Sprecherin Katja Danowski war dagegen ein Glücksgriff - ihre Stimme wirkt immer ein wenig distanziert und auch empathielos, was aber die introvertierte Art der Erzählerin und die kühle Grundstimmung des Werkes gut rüberbringt.

Mein Fazit
Ein sprachlich gelungener Einblick in die Welt einer Dolmetscherin am Gerichtshof und die Zerbrechlichkeit privater Sicherheiten. Trotz einiger Längen durch das sehr gleichmäßige Erzähltempo hat mich die Perspektive der Protagonistin überzeugt, sodass ich weiteres der Autorin lesen oder hören werde.


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