Jacqueline Harpman - Ich, die ich Männer nicht kannte
Dystopie
Originaltitel: „Moi Qui N’ai Pas Connu Les Hommes“ (1995)
Übersetzung: Luca Homburg
Verlag: Klett-Cotta-Verlag
ISBN-13: 978-3-608-96670-1
Seiten: 224 Seiten
Erschienen: 14.3.2026
Cover: Anzinger und Rasp Kommunikation GmbH, München
Cover-Artwork: © Anna Morrison
Buchrückentext
„In einem unterirdischen Gefängnis sitzen neununddreißig Frauen. Was übertage geschehen ist, wissen sie nicht: Wurde die Welt verlassen, von einem Virus verwüstet? Die Frauen können sich nicht erinnern, wie sie in den Käfig gelangt sind, haben jegliches Zeitgefühl verloren und nur eine vage Ahnung von ihrem alten Leben. Ihre Aufseher, sechs schweigsame Männer in Uniform, sprechen nicht mit ihnen und berühren sie nur, um sicherzustellen, dass keine von ihnen versucht, sich das Leben zu nehmen. Eines Tages ertönt ein Alarm, und die Wachen verschwinden; die Tür steht offen. Als erste wagt jene vierzigste Gefangene den ersten Schritt, die nichts als das Gefängnis kannte. Doch anders als erhofft, finden die Frauen draußen nicht die Freiheit, sondern eine Welt, die sie nicht wiedererkennen und in der sie lernen müssen, sich gemeinsam zurechtzufinden.“ (Quelle: Verlagsseite)
Meine Meinung
Neununddreißig Frauen werden in einem unterirdischen Gefängnis gefangen gehalten - in völliger Isolation, bewacht von schweigsamen Männern. Ohne Zeitgefühl und ohne Erinnerung an das „Davor“ fristen sie ihr Dasein, bis eines Tages ein Alarm schrillt und die Wachen verschwinden. Die Türen stehen offen. Unter der Führung der vierzigsten Gefangenen – der einzigen, die nie eine Welt außerhalb dieser Mauern kennengelernt hat – wagen sie den Schritt an die Oberfläche. Doch was sie dort erwartet, ist keine Rückkehr in die Zivilisation, sondern eine weite, menschenleere und rätselhafte Welt, in der sie lernen müssen, als Gemeinschaft zu existieren und die Bruchstücke ihrer Vergangenheit mühsam zusammenzusetzen.
Mich hat dieses Buch bereits nach wenigen Sätzen in einen regelrechten Sog gezogen. Die beklemmende Atmosphäre der Gefangenschaft ist körperlich spürbar, so dass ich mich der Spannung kaum entziehen konnte. Es ist diese Ungewissheit, gepaart mit der schlichten, aber gewaltigen Frage nach dem „Warum“, die mich während des Lesens permanent umtrieb.
Beeindruckend ist die Figur der namenlosen Ich-Erzählerin. Da sie die einzige ist, die keine Erinnerung an ein Leben in Freiheit besitzt, blickt sie mit einer ganz eigenen, fast schon unschuldigen Sachlichkeit auf die Welt. Sie ist der Motor der Geschichte, diejenige, die den Mut aufbringt zu erkunden und die Gruppe vorantreibt. Im krassen Gegensatz dazu stehen die anderen Frauen, deren Passivität schockierend ist. Selbst nach der Befreiung zeigen sie wenig Motivation, die Lage zu erkunden. Es schien mir, als hätten sie sich in der langen Zeit der Gefangenschaft selbst aufgegeben. Es ist erschütternd zu beobachten, wie sie ihre Erinnerungen verdrängt hatten – wohl auch, weil diese Bilder aus der Vergangenheit in ihrer Schönheit einfach zu schmerzhaft waren. Erst nach und nach kommen diese Fragmente wieder an die Oberfläche, wodurch die Ich-Erzählerin immer mehr über das einstige Leben erfährt, das dem heutigen, unseren entsprach.
Ob das Buch nun ein feministischer Roman ist, kann ich nicht sagen. Zwar geht es irgendwie auch um die Emanzipation, das aber war für mich nicht so sehr das Hauptthema, eher das Leben in einer Gemeinschaft, zugegebenermaßen in einer hoffnungslosen Welt. Die Männer scheinen lediglich als Wärter aufgetreten zu sein, Überlebende gibt es nicht und neben der Frage, wo sie nach dem Alarm hin sind, bleibt für mich auch unklar, warum es neben den vielen Frauengefängnissen auch eines mit Männern gegeben hat.
Der Überlebenswille der Erzählerin ist beeindruckend - die Vorstellung, jahrzehntelang durch das Nichts zu ziehen, in der Hoffnung, etwas Neues zu entdecken, das das Leben lebenswert macht, ist für mich kaum nachvollziehbar, insbesondere, da die Jahre in dieser Welt auch die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg immer weiter schwinden lassen.
Der Schreibstil ist klar und schnörkellos. Da lediglich in der ersten Person erzählt wird, lernt man natürlich nur die „eingeschränkte“ Sicht der namenlosen Protagonistin kennen. Das hat sie mir sehr nahe gebracht, ließ aber gleichzeitig auch viele Lücken, die nicht erklärt werden bzw. von der Ich-Erzählerin auch nicht erklärt werden können. Dadurch wird der Roman durchaus auch mysteriös, zumal es zwar Andeutungen gibt, die aber nicht aufgeklärt werden. Es herrscht also die ganze Zeit über eine zehrende Hoffnungslosigkeit, die sich auch bis zum Ende durchzieht – gerade die letzten Seiten nach dem Tod der anderen Frauen sind sehr beklemmend, da die Ich-Erzählerin nun ganz auf sich allein gestellt ist und ihre Sehnsucht nach Gemeinschaft und dann auch die sich bei ihr breitmachende Hoffnungslosigkeit unerträglich sind.
Man muss damit klarkommen, dass viele Fragen unbeantwortet bleiben. Wie im wahren Leben ist es wohl unmöglich, hinter das letzte Rätsel der Existenz zu kommen. Dennoch hätte ich mir am Ende einen etwas runderen Abschluss mit mehr Antworten gewünscht. So habe ich das Buch mit einem sehr beklemmenden Gefühl zugeschlagen.
Mein Fazit
Ein beklemmendes, tiefgreifendes Werk, das mich durch seine Atmosphäre und existenzielle Wucht sehr beeindruckt hat. Ein beängstigendes, aber psychologisch enorm dichtes Leseerlebnis, das mich auch nach dem Zuklappen noch lange beschäftigt hat
WERBUNG: Vielen Dank an Netgalley und den Klett-Cotta Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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