Natascha Wodin - Die späten Tage
Gegenwartsliteratur, Essay
Verlag: Argon Hörbuch
ISBN-13: 978-3-839-82185-5
Dauer: 512 Minuten
Erschienen: 19.11.2025
Sprecherin: Martina Gedeck
Zum Inhalt
„Was bedeutet es, wenn man sich in hohem Alter noch einmal verliebt? Wenn nicht mehr viel Zeit füreinander bleibt und man sich eigentlich schon im Alleinsein eingerichtet hat? In Natascha Wodins neuem Hörbuch wagt die Erzählerin den Versuch, die Liebe über die Einsamkeit siegen zu lassen, ein letztmögliches Lebensexperiment, in dem sich die Fragen nach Liebe und Tod mit existenzieller Dringlichkeit stellen und die Mühen des Alters zum Alltag gehören. Die Geschichte des Paares ist der rote Faden im Text, ein Gewebe aus Erinnerungen, Reflexionen, Beobachtungen – aufgezeichnet an einem mecklenburgischen See mit Blick auf das Wasser und den gegenüberliegenden Horizont.“ (Quelle: Verlagsseite)
Meine Meinung
In diesem autobiografisch geprägten Werk blickt Natascha Wodin auf ihr Leben und ihre Gegenwart als fast Achtzigjährige. Sie schlägt dabei einen weiten Bogen von ihrer bewegten Familiengeschichte bis hin zum unmittelbaren Erleben des Alterns im Hier und Jetzt. Es ist eine Auseinandersetzung mit dem Verfall, dem Verlust von Weggefährten und der ungeschönten Realität des letzten Lebensabschnitts.
Ich habe dieses Hörbuch als eine schmerzhafte Wucht erlebt, die mich phasenweise regelrecht erschüttert hat. Für mich war das Hören ein intensiver Kraftakt, denn man muss - nach meinem Empfinden - psychisch stabil sein, um diese geballte Ladung an Wahrheit ohne Blessuren an der eigenen Seele auszuhalten. Obwohl ich selbst noch nicht an diesem Punkt des Lebens stehe, habe ich mich in vielen Gedanken überraschend deutlich wiedergefunden. Diese ungeschönten Beschreibungen des Alterns haben mich tief berührt und betroffen gemacht, da sie all das bestätigen, was ich bereits von anderen höre: Dass das Alter eben oft nicht schön ist.
Das Buch ist ein wertvolles Stück Zeitgeschichte, das jedoch auch eine enorme Schwere mit sich bringt. Ich musste während des Hörens wirklich aufpassen, um nicht in eine depressive Stimmung zu gleiten, und doch konnte ich mich der Sogwirkung dieser ehrlichen Worte kaum entziehen.
Die Charaktere, die die Autorin zeichnet – egal, ob es um sie selber oder um Menschen in ihrem Umfeld geht -, sind von einer schonungslosen Offenheit geprägt. Besonders bewegt hat mich ihre einfühlsame Haltung gegenüber Freunden und Bekannten, die ihr Leben freiwillig beendet haben, weil sie es nicht mehr als lebenswert empfanden. Diese Akzeptanz hat die Erzählerin als sehr reif und tiefsinnig wirken lassen.
Der Schreibstil ist für mich schlichtweg großartig; die Autorin schreibt eindringlich, absolut auf den Punkt und verzichtet auf jede Form der Beschönigung. Die Sprache ist klar und von einer emotionalen Dichte, die durch die sehr gute Interpretation der Sprecherin Martina Gedeck noch verstärkt wird. Der Aufbau der Erzählung hat mich von Anfang an gefesselt, da die Verknüpfung von privatem Schicksal, allgemeingültigen Wahrheiten über die menschliche Existenz und das Philosophieren über eben diese Dinge eine unglaubliche Spannung erzeugt. Ich fühlte mich der Geschichte sehr nah, auch wenn diese Nähe oft weh tat.
Mein Fazit
Mit diesem Roman – oder vielleicht doch eher Essay? - ist Natascha Wodin ein gleichzeitig guter, ehrlicher und erschütternder Blick auf das Lebensende gelungen. Es ist eine literarisch großartige Erfahrung, die mich jedoch mit Melancholie und Betroffenheit zurücklässt. Wer bereit ist, sich der ungeschönten Wahrheit über den Verfall und das Alter zu stellen, findet hier ein wertvolles, wenn auch psychisch forderndes Stück Zeitgeschichte.

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