[Rezension Graham Norton - "Heimweh"

Graham Norton - Heimweh
Gegenwartsliteratur
 

 Originaltitel: „Home Stretch“ (31.12.2019)
 Übersetzer: Silke Jellinghaus, Katharina Naumann
 Verlag: Argon Verlag
 ISBN-13: 978-3-83989-754-6
 Dauer: 595 Minuten
 Erschienen: 19.10.2021
 Sprecher:  Charly Hübner 

   
Zum Inhalt
„Sechs junge Leute fahren ans Meer. Auf dem Rückweg ein schrecklicher Unfall: Es sterben ein Paar, das am nächsten Tag heiraten wollte, und eine Brautjungfer; die andere überlebt schwer verletzt. Kaum blessiert sind Martin, der Arztsohn, und Connor, der eigentlich nicht zur Clique gehört. Er saß am Steuer. Der ganze Ort Mullinmore ist wie gelähmt. Und nach dem Prozess wird Connor nach England geschickt. Niemand weiß, dass er noch vor etwas ganz anderem flieht.
20 Jahre später betritt ein Gast eine Bar in New York. Er versteht sich sofort gut mit dem jungen Barkeeper. Dann stellen sie fest, was sie verbindet. Und jenseits des Atlantiks, in Mullinmore, löst dies eine dramatische Kette von Ereignissen aus.“ (Quelle: Verlagsseite)

Meine Meinung
Die Geschichte beginnt mit einem einschneidenden Ereignis im ländlichen Irland der 1980er Jahre: Ein schwerer Autounfall am Vorabend einer Hochzeit reißt eine Lücke in die Gemeinschaft der Kleinstadt Mullinmore und beeinflusst das Leben derer, die den Unfall überlebten, maßgeblich. Graham Norton erzählt in der Folge vom Auseinanderbrechen von Familien über mehrere Jahrzehnte hinweg, von Selbstfindung und den lähmenden Auswirkungen von Lügen und Geheimnissen. 

Es ist ein sehr authentisches Porträt einer Kleinstadt, die von Vorurteilen und gesellschaftlichen Zwängen geprägt ist. Themen wie Homophobie, Schuld und die schwierige Suche nach Versöhnung werden feinfühlig angeschnitten. Während die erste Hälfte des Hörbuch eher gemächlich fortschreitet, nimmt es in der zweiten Hälfte dann an Fahrt auf – und insgesamt war es für mich als Hörerin ein stetiges Auf und Ab an  Emotionen: Auf tieftraurige Episoden folgte die Euphorie einer neuen Verliebtheit, nur um bald darauf der Ernüchterung Platz zu machen. Es ist eine Geschichte voller Tragik und Melancholie, die über die Bedeutung von Schuld und Sühne nachdenken lässt.

Die Charaktere sind sehr gut gezeichnet, ihre Lebenswege verschlungen, dadurch vielleicht etwas konstruiert, aber auch nicht so abstrus, dass man es nicht glauben könnte. Dennoch gelang es mir nicht, mich gänzlich in sie hineinzufühlen oder ihr Handeln vollumfänglich zu verstehen – eher distanziert habe ich beobachtet, wie sich Connor und Ellen mit den Leben arrangierten, von denen sie glaubten, sie verdient zu haben – Connor durch die Flucht und den Kontaktabbruch, Ellen durch das bewusste Wegsehen bei den Geheimnissen ihres Mannes.

Der Schwerpunkt liegt gerade in der ersten Hälfte des Hörbuchs völlig in den Geschehnissen nach dem Unfall und wird auch kaum mehr erwähnt – fast schon hatte ich ihn ganz vergessen und mich einfach nur der Erzählung um Connors Leben gewidmet – in der zweiten Hälfte wird der Unfall aber noch mal zum Dreh- und Angelpunkt – und zeigt dann die fast schon grausamen Auswirkungen auf die Leben von Connor und Elllen. Das Bild einer von Vorurteilen geprägten Kleinstadt hat der Autor sehr gut gezeichnet, es ist ein wirklich erschreckendes Portrait, das mich oft hat den Kopf schütteln lassen und mich vor allem auch wütend gemacht hat.

Der erste Teil des Hörbuchs ist sehr langsam erzählt, ruhig und beschaulich, dies ändert sich jedoch schlagartig durch die im Klappentext angekündigte Begegnung in einer New Yorker Bar. Diese überraschende Wende lässt die vergangenen Ereignisse in einem völlig neuen Licht erscheinen und sorgte dafür, dass das Erzähltempo deutlich angezogen ist. Ein großes Lob möchte ich dem Sprecher Charly Hübner aussprechen: Er hat die verschiedenen Stimmungen sehr gefühlvoll eingefangen und mich trotz meiner Distanz zu den Charakteren näher an das Geschehen herangebracht.

Mein Fazit
„Heimweh“ ist ein vielschichtiges Porträt menschlicher Schicksale und gesellschaftlicher Enge – eine zumindest in der ersten Hälfte eher ruhige Geschichte, die erst eine Wendung in der Mitte des Buches braucht, um an Fahrt aufzunehmen. Obwohl ich zu den Protagonisten keine tiefe emotionale Nähe aufbauen konnte, waren sie gut gestaltet. Ein nachdenklich machendes Hörbuch über die Last der Vergangenheit, das durch einen hervorragenden Sprecher zusätzlich an Qualität gewinnt.

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