Sabine Kornbichler - Klaras Haus
Gegenwartsliteratur
Verlag: Droemer-Knaur-Verlag
ISBN-13: 978-3-426-61684-0
Seiten: 300 Seiten
Erschienen: Mai 2000
Umschlaggestaltung: Agentur ZERO, München
Umschlagabbildung: IFA Bilderteam, München
Buchrückentext
„Nie hätte Nina Tilden geglaubt, dass sie einmal in so eine Situation geraten würde: Ihr Mann hat sie mit ihrer besten Freundin betrogen und wird demnächst Vater – während er von ihr niemals ein Kind wollte! Da kommt ihr das Haus auf der Nordseeinsel Pellworm gerade recht, das sie von ihrer Tante4 Klara als Zufluchtsort für schwere Zeiten geerbt hat. Auf Pellworm begegnet sie ihrer Cousine Charlotte, die sie zuerst hasst, denn Charlotte war jahrelang die Geliebte eines verheirateten Mannes – wie ihre eigene beste Freundin. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine intensive, wenn auch komplizierte Beziehung.“ (Quelle: Verlagsseite)
Meine Meinung
Nina Tilden steht vor den Trümmern ihres Lebens: Ihr Ehemann hat sie ausgerechnet mit ihrer besten Freundin betrogen. Zu allem Überfluss erwarten die beiden nun ein Kind – etwas, das er mit Nina nie wollte. In ihrer Verzweiflung flieht sie auf die Nordseeinsel Pellworm in das Haus ihrer verstorbenen Tante Klara, das als Zufluchtsort für schwere Zeiten gedacht ist. Dort trifft sie überraschend auf ihre Cousine Charlotte. Die Begegnung steht unter keinem guten Stern, denn Charlotte war jahrelang die Geliebte eines verheirateten Mannes und verkörpert damit genau das Profil der Frau, die Ninas Ehe zerstört hat. Trotz anfänglicher Ablehnung entwickelt sich zwischen den beiden ungleichen Frauen eine intensive, wenn auch komplizierte Beziehung.
Ich habe das Buch schon einmal vor Jahren gelesen und hatte nur noch ein sehr positives Gefühl zurückbehalten. Jetzt wurde es für einen Lesekreis ausgewählt – und wieder habe ich das Buch sehr gerne gelesen, auch wenn es sich mit traurigen Themen beschäftigt; aber es bietet ein versöhnliches Ende und viele Punkte, die zum Nachdenken anregen.
Das Haus von Tante Klara bildet dabei den perfekten Rahmen – es ist der zentrale Ort, an dem sich alles abspielt. Sie selber spielt nur eine kleine Rolle, diese ist heftig, erklärt aber vieles. Besonders gut gefallen hat mir, dass die Geschichte trotz der relativen Dünne des Buches eine enorme Tiefe entwickelt – das ist vor allem den sehr gutgezeichneten Charakteren geschuldet.
Nina, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, musste sich erst langsam in mein Herz schleichen. Zu Beginn ist sie eine verletzte Frau, die in ihrer eigenen Blase gelebt und die Anzeichen der kriselnden Ehe überhaupt nicht wahrgenommen hat. Ihre Entwicklung hat mich dann aber sehr beeindruckt: Am Ende ist sie eine reflektierte Frau, die zwar immer noch verletzlich ist und sein darf, die aber ihre Naivität abgelegt hat. Sie erkennt ihre eigenen Bedürfnisse endlich an und steht für sie ein. Dieser Reifeprozess gelingt ihr vor allem durch die Reibung mit ihrer Cousine Charlotte. Charlotte steht mitten im Leben und achtet sehr genau auf sich selbst, auch wenn sie damit andere verletzt. Es war faszinierend zu beobachten, wie sich durch die intensive Beziehungsdynamik auf Pellworm letztlich beide Frauen verändern und weiterentwickeln.
Die Handlung besteht fast ausschließlich aus den Gesprächen zwischen Nina und Charlotte, untermalt von schönen Beschreibungen der Insel Pellworm, die mir ein tolles Bild der Insel gezeichnet haben. In den Dialogen geht es oft hoch her. Die angestauten Emotionen brechen aus beiden heraus, und es wird auch mal laut. Genau das hat die Szenen für mich so echt und glaubhaft gemacht und ich fühlte mich den beiden Frauen in diesen Momenten unglaublich nah.
Ein Punkt hat mich beim Lesen allerdings gewundert und auch etwas enttäuscht: Ninas ehemals beste Freundin kommt im Verlauf der Geschichte überhaupt nicht vor. Es gibt keinerlei Kontakt zu ihr. Für mich blieb es unverständlich, warum Nina diese Frau niemals mit den Tatsachen konfrontiert oder zur Rede stellt. Das hat mich bei der ansonsten sehr greifbaren Dynamik doch gewundert. Das Buch transportiert dennoch einige schöne Botschaften, die zum Nachdenken anregen, selbst wenn sie an manchen Stellen für meinen Geschmack ein wenig zu sehr mit erhobenem Zeigefinger präsentiert wurden.
Ein Highlight war für mich Hanni, die ich sofort in mein Herz geschlossen habe. Sie kümmert sich rührend um das leibliche Wohl der Cousinen, das Haus und den Garten. Hanni ist eine liebenswerte, kluge Frau, die Stimmungen sofort erfasst und auf mich fast so wirkte, als könnte sie ein bisschen in die Zukunft schauen.
Der Schreibstil ist angenehm unaufgeregt und setzt auf viel wörtliche Rede, was der Geschichte ihre Authentizität verleiht. Dass die Handlung in einer Zeit ohne Handys und Internet spielt – vermutlich irgendwann in den 1990er Jahren oder kurz danach –, verleiht dem Ganzen eine leicht nostalgische Note. Der Aufbau verzichtet auf besondere Effekte und zieht seine Spannung lediglich aus den zwischenmenschlichen Konflikten. Das Ende hat dem ganzen einen versöhnlichen Abschluss gegeben, der mir sehr gut gefallen hat.
Mein Fazit
„Klaras Haus“ ist ein ergreifendes Kammerspiel auf Pellworm, das ganz ohne moderne Ablenkungen auskommt. Durch die authentischen, emotionalen Dialoge und die starke Entwicklung der beiden Hauptfiguren habe ich nicht nur mitgefühlt, sondern das Buch auch einfach sehr gerne gelesen. Ein nachdenklich stimmender Roman über Verletzungen, Reifeprozesse und die heilende Wirkung von ehrlicher Konfrontation.

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