[Rezension] Natsuko Imamura - "Die Frau im lila Rock"

Natsuko Imamura - Die Frau im lila Rock
Gegenwartsliteratur
 

 Originaltitel:  „むらさきのスカートの女“ „Murasaki no sukāto no onna“ (2019)
 Übersetzung: Katja Busson
 Verlag: btb-Verlag
 ISBN-13: 978-3-442-77486-9
 Seiten: 128 Seiten
 Erschienen: 12.2.2025
 Umschlaggestaltung:  semper smile, München nach einem Entwurf und unter Verwendung einer Illustration von: © Colin Webber

   
Zum Inhalt
„Die Frau im li­la Rock scheint in ih­rer ei­ge­nen Welt zu le­ben und be­wegt sich traum­wand­le­risch durch über­füll­te Stra­ßen, oh­ne von ih­rer Um­welt No­tiz zu neh­men. Sie ist ei­ne al­lein­ste­hen­de Frau. Sie lebt in ei­ner klei­nen, her­un­ter­ge­kom­me­nen Woh­nung und ist knapp bei Kas­se. Sie sitzt je­den Nach­mit­tag auf der­sel­ben Park­bank. Sie kauft ein­mal in der Wo­che ein Va­nil­le­cre­me­tört­chen, das sie im Park ver­zehrt. Aber sie wird beo­b­ach­tet. Die Frau in der gel­ben Strick­ja­cke ist un­be­merkt im­mer dort, wo die Frau im li­la Rock sich auf­hält. Doch sie ist kei­ne Stal­ke­rin – es ist viel kom­pli­zier­ter!“ (Quelle: ebook-Innenseite)

Meine Meinung
Die Frau im lila Rock ist eine alleinstehende Frau, die in ihrer eigenen Welt zu leben scheint, täglich auf derselben Parkbank sitzt und ein Vanillecremetörtchen isst. Was sie nicht ahnt: Sie wird auf Schritt und Tritt beobachtet. Die Ich-Erzählerin, die Frau in der gelben Strickjacke, verfolgt sie mit einer unerklärlichen Obsession und steuert dabei das Leben der Frau im lila Rock auf eine subtile Art und Weise…

Mich hat der Einstieg sofort gepackt, da ich neugierig war, was es mit den beiden Figuren auf sich hat. Dabei fand ich den weiteren Verlauf weniger spannend, dafür aber skurril und merkwürdig – und das wiederum hat mich bei der Stange gehalten, mich manchmal aber auch den Kopf schütteln lassen. 

Es fiel mir schwer, mich in die Ich-Erzählerin einzufühlen oder ihre Fixierung auf die Frau im lila Rock nachzuvollziehen. Trotzdem war ich auch gespannt, wohin diese Reise führen wird. Am Ende der Geschichte bleibt vieles offen, so dass es Raum für eigene Interpretationen gibt. Ohne das Finale verraten zu wollen, fühlte es sich für mich so an, als ob sich die Ich-Erzählerin durch ihre Obsession tiefgreifend verändert – sie nimmt eine völlig andere Rolle ein und gibt sich selbst dabei nahezu auf. Vielleicht spiegelt dieser schleichende Identitätsverlust das Leben in einer Gesellschaft, in der man unsichtbar bleibt; und die Erzählerin scheint das Leben einer Fremden als Blaupause zu nutzen, um überhaupt etwas zu spüren und der eigenen Isolation zu entkommen. So meine Gedanken dazu.

Die Figuren sind in Anbetracht der Kürze dieses schmalen Romans gut gezeichnet. Obwohl mir die Handlungen der Erzählerin fremd blieben, ist ihre Obsession gut spürbar, auch die damit in ihr auftretende Lebendigkeit, die vorher eher nicht vorhanden war. 

Der Schreibstil ist angenehm zu lesen und eher einfach gehalten. Diese schnörkellose Sprache passt gut zu der beobachtenden Perspektive der Erzählerin und sorgt dafür, dass ich zügig durch die Seiten geflogen bin.

Vom Aufbau her lebt die Geschichte von ihrer subtilen, psychologischen Spannung. Man befindet sich durch die Ich-Perspektive zwar nah an den Gedanken der Beobachterin, durch die Merkwürdigkeit ihres Verhaltens entstand bei mir jedoch gleichzeitig eine distanzierte Faszination. Das offene Finale rundet diesen ungewöhnlichen Aufbau ab und hallt länger nach, als man bei der Kürze des Buches vermuten würde.

Mein Fazit
Ein kurzes, interessantes, aber auch merkwürdiges Buch, das viel Raum für eigene Interpretationen lässt. Die psychologische Obsession blieb für mich zwar schwer nachvollziehbar, doch die gelungene Figurenzeichnung und das offene Ende machen diese subtile Geschichte über Einsamkeit dennoch lesenswert.


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