Dennis Kornblum - Der Eklat
Gegenwartsliteratur
Verlag: Kuuuk-Verlag
ISBN-13: 978-3-962-90053-3
Seiten: 228 Seiten
Erschienen: 30.6.2026
Umschlaggestaltung: © Dennis Kornblum und Klaus Jans
Buchrückentext
„Der umstrittene Schriftsteller Jascha Wrobel evoziert in einer Talkshow des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einen Skandal. – Ziemlich genau neun Wochen später diskutieren der Moderator und ein Journalist namens Hagen über die Hintergründe und Auswirkungen des Vorfalls. Was ist da passiert? Welche Vorgeschichte kennt man? Die Journalistin Jasmina Lorentz hat sich in den vergangenen Jahren zur Hauptgegnerin Wrobels entwickelt, sich immer wieder über dessen disputable Aussagen zu sensiblen gesellschaftlichen und politischen Fragen empört. Dabei hat sie versucht, ihn in ein Korsett ideologischer Hetzerei und Frauenfeindlichkeit zu zwängen, und schließlich Wrobels künstlerische Verantwortung und generell seine Kompetenz in Frage gestellt. Zusätzlich hatte sie in einem aufsehenerregenden Online-Artikel eine sehr persönliche Bemerkung zu Wrobels türkischstämmiger Ehefrau gemacht. Wenige Wochen nach Erscheinen des Artikels eskalierte die Fehde der beiden in einer legendären, dreizehnminütigen Talkshow-Livesequenz.
Dieser Roman fasst das zusammen, was wir derzeit in so vielen Teilen der Gesellschaft entdecken: Spaltung, überzogene Polarisierung, Wunden, Verletzungen, Extreme … und Ereignisse, die niemand braucht. Kornblum hat den „Skandalautor“ als Modell-Vorlage gewählt und alles in deutlichem Ton, auch bis ins wechselhafte, auch aufregende Denken des Schriftstellers Wrobel hinein, ausgeleuchtet.“
Meine Meinung
Im Zentrum des Buches steht der umstrittene Schriftsteller Jascha Wrobel, der in einer Live-Talkshow für einen gewaltigen Skandal sorgt. Ausgelöst wird dieses Ereignis durch eine jahrelange, öffentlich ausgetragene Fehde mit der Journalistin Jasmina Lorentz. Sie wirft Wrobel ideologische Hetze sowie Frauenfeindlichkeit vor und attackiert ihn schließlich auch mit einer sehr persönlichen Bemerkung über seine Ehefrau. Neun Wochen nach dem Vorfall analysieren ein Moderator und ein Journalist die Geschehnisse in Form eines reinen Interviewdialogs.
Der Roman nähert sich den Hintergründen aus zwei Perspektiven: zum Einen gibt es das Interview zwischen einem Journalisten und einem Moderator, zum Anderen die Perspektive von Jascha Wrobel, der in seine ausufernde Gedanken Einblick gewährt.
Dieses Buch hat mich gefordert und dann zwiegespalten zurückgelassen, weshalb mir die finale Einordnung extrem schwerfällt. Der Plot an sich ist fantastisch und von erschreckender Aktualität. Dennis Kornblum greift eine enorm große Bandbreite gesellschaftlicher Themen auf: Es geht um Egoismus, Selbstdarstellung, Meinungsfreiheit und Provokation, aber genauso um schmerzhafte Themen wie die Autismus-Spektrum-Störung, Antisemitismus und die schleichende Akzeptanz von Gewalt.
Das Buch steckt voller moralischer Zwickmühlen, die mich beim Lesen wütend und gleichzeitig nachdenklich gemacht haben. Ich habe mich ständig beim Hinterfragen erwischt: Ab wann ist es gerechtfertigt, eine Person des öffentlichen Lebens mundtot zu machen oder zu „canceln“? Wie weit darf künstlerische Provokation gehen und wo fängt die gesellschaftliche Verantwortung eines Autors an? Was mich aber am meisten aufgewühlt hat, war die Grenze zwischen berechtigter Kritik und eigener Hetze. Die Journalistin greift zu Methoden, die sie beim Skandalautor selbst anprangert, und zieht sogar dessen Ehefrau mit hinein. In diesem Moment schlägt Haltung in Vernichtungslust um.
Keine der Figuren ist einfach nur gut oder böse, kein Lager hat die Moral für sich gepachtet. Man möchte sich am liebsten auf eine Seite schlagen, aber diesen bequemen Ausweg gibt es leider nicht – und so hält das Buch dem Leser in gewisser Weise einen unangenehmen Spiegel vor Augen.
Der Aufbau des Romans ist komplex. Ich musste mich zu Beginn erst einmal orientieren und die verschiedenen Personen und Stränge ordnen, bis sich langsam ein klares Gesamtbild ergab. Mit jeder Seite aber spürt man, dass alles unaufhaltsam auf die Eskalation in den letzten Kapiteln zusteuert.
Was mir das Lesen allerdings unglaublich erschwert hat, war der Schreibstil in den Wrobel-Passagen. Die Sätze sind extrem lang, ausufernd und durchzogen von zahllosen Nebensätzen sowie Adjektiven. Wenn ein einziger Satz eine halbe Seite einnimmt, wird das Lesen zur echten Geduldsprobe und fühlte sich für mich anstrengend an. Andererseits ist es ein genialer Kniff, dessen sich der Autor bedient: Denn so spiegelt er die extrem anstrengende, sprunghafte und komplexe Persönlichkeit seiner Hauptfigur direkt in der Grammatik wider. Diese Form der Charakterzeichnung ist handwerklich extrem klug gelöst, hat mein Leseerlebnis aber keineswegs erleichtert. Spaß im klassischen Sinne hatte ich beim Lesen ehrlich gesagt nicht, dafür war der Weg durch den Text zu mühsam. Und doch lässt mich die Geschichte nicht los. Der Roman zwingt einen förmlich dazu, Stellung zu beziehen und über unsere eigene Debattenkultur nachzudenken.
Mein Fazit
Eine inhaltlich brillante, herausfordernde und hochkomplexe Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Spaltungen unserer Zeit. Der sperrige, oft anstrengende Schreibstil hat mir phasenweise den Lesespaß geraubt, zeichnet die Hauptfigur aber auf faszinierende Weise. Für mich bleibt am Ende ein sperriges, mühsames, aber intelligentes Buch, das mich zum Nachdenken gebracht hat und noch lange nachhallt.
WERBUNG: Vielen Dank an den Autor Dennis Kornblum für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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