[Rezension] Cora Wucherer - "All die Farben, all das Licht"

Cora Wucherer - All die Farben, all das Licht
Gegenwartsliteratur
 

 Verlag: Saga Egmont
 ISBN-13: 978-8-727-36077-5
 Dauer: 551 Minuten
 Erschienen: 10.7.2026
 Sprecher: Lena Tiemann, Martha Kindermann, Johannes Steck

   
Zum Inhalt
„Seit sie denken können, teilen sich Juna und Martha ein Zimmer in ihrer engen Familienwohnung in München-Giesing. Doch das ist auch schon alles, was die beiden Schwestern gemeinsam haben. Juna, außergewöhnlich begabt und bedroht von einer seltenen Krankheit, erfährt, dass ihr wohl nur noch wenige Monate bleiben, bis sie ihr Sehvermögen verliert. Ihr Traum, einmal eine ebenso bedeutende Künstlerin zu werden wie ihr großes Vorbild Lotte Laserstein, scheint zu zerbrechen. Ihre jüngere Schwester Martha hingegen kämpft darum, überhaupt gesehen zu werden. Mit Junas Ausweis in der Tasche ergattert sie sich einen Nebenjob in einem Kino – und damit eine völlig neue Unabhängigkeit. Als Juna unbedingt ihr Lieblingsgemälde von Lotte Laserstein in Malmö sehen will, ergreift Martha ihre Chance und organisiert eine heimliche Reise für die beiden. Was als Abenteuer beginnt, wird zu einer ungeahnten Herausforderung – und die Schwestern geraten an die Grenzen dessen, was sie voneinander zu wissen glaubten.“ (Quelle: Klett-Cotta-Verlag)  

Meine Meinung
Juna und Martha sind Schwestern – doch außer ihrem gemeinsamen Kinderzimmer verbindet sie kaum etwas. Juna, siebzehn Jahre alt, möchte unbedingt Malerin werden. Doch ihre Zukunft wird von einer schweren Diagnose überschattet: Dem Usher-Syndrom. Ihr bleiben nur noch wenige Monate, bevor sie ihr Augenlicht verliert und ihr Traum zu zerbrechen droht. Ihre dreizehnjährige Schwester Martha hingegen versucht verzweifelt, aus dem Schatten der älteren Schwester herauszutreten und wahrgenommen zu werden. Als Juna den drängenden Wunsch äußert, ihr Lieblingsgemälde der Künstlerin Lotte Laserstein in Malmö zu sehen, organisiert Martha heimlich eine gemeinsame Reise. Der Ausflug wird zu einer Herausforderung, die beide Schwestern an ihre Grenzen bringt.

Mich hat diese Geschichte sehr berührt. Es ist ein großartiger, dabei unaufgeregter Coming-of-Age-Roman, der vollständig ohne Kitsch auskommt, der vielmehr eine komplexe Realität einfängt - und das ohne künstliches Drama oder Rührseligkeit. Es sind vor allem kleine und leise Momente, die mich gepackt haben: kleine Gesten und Andeutungen, die man zwischen den Zeilen entdeckt und die das Beziehungsmuster der Figuren so ganz indirekt darstellen. Neben den Themen Familie, Krankheit, Schwesternschaft und auch Freundschaft geht es auch um Malerei – und hier speziell um die reale Künstlerin Lotte Laserstein, die dem Buch eine ganz eigene Tiefe verliehen hat und die ich zuvor nicht.

Erzählt wird die Geschichte von beiden Schwestern, jeweils in Ich-Form aus ihrer Perspektive. Dadurch habe ich nicht nur Einblicke in die jeweilige Gefühlswelt erhalten, sondern konnte manche Situation aus zwei völlig unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Außerdem ist die Entwicklung der beiden dadurch wirklich greifbar. 

Martha und Juna sind mit vielen Facetten gezeichnet – sie haben egoistische Seiten, sind aber gleichzeitig auch liebenswert. Juna wirkt auf mich enorm stark und tapfer. Wie sie trotz des drohenden Sehverlusts um ihren Traum kämpft, hat mich beeindruckt, auch wenn sie dabei manchmal sehr fokussiert auf sich selbst ist. Martha, die als jüngere Schwester oft hintenanstehen muss, wirkt dadurch stellenweise etwas biestig und verletzt. Dennoch sucht sie ihren eigenen Weg, behauptet sich und findet letztlich doch an die Seite ihrer Schwester.

Der Schreibstil ist angenehm, feinfühlig und voller Atmosphäre. Die Sprecherleistung im Hörbuch fängt diesen echten, unaufgeregten Tonfall sehr gut ein. Die Stimmen von Lena Tiemann, Martha Kindermann und Johannes Steck bringen die feinen Nuancen, die leise Traurigkeit, aber auch die Sehnsucht der beiden Mädchen wunderbar zur Geltung, ohne jemals ins Theaterhafte abzugleiten. Man ist beim Zuhören einfach ganz nah dran an diesem Geschehen.

Mein Fazit
Ein wunderschönes, trauriges, vor allem aber erfrischend echtes Hörbuch über Familie, Kunst und Sehnsucht. Cora Wucherer erzählt frei von Kitsch und schafft durch ruhige Töne eine beeindruckende Nahbarkeit. Die vielschichtigen Charaktere und die feinfühlige Sprecherleistung machen dieses Coming-of-Age-Werk zu einer absoluten Hörempfehlung.

WERBUNG: Vielen Dank an Netgalley und den Klett-Cotta-Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. 

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