[Rezension] Ruth-Maria Thomas - "Die schönste Version"

Ruth-Maria Thomas - Die schönste Version
Gegenwartsliteratur
 

 Verlag: Argon Hörbuch
 ISBN-13: 978-3-732-47600-8
 Dauer: 376 Minutn
 Erschienen: 16.7.2024
 Sprecherin: Lili Zahavi

   
Buchrückentext
„Die späten Nullerjahre, frühen 2010er Jahre in einer ostdeutschen Kleinstadt: Die schönste Version erzählt die Geschichte von Jella und Yannick, von der ersten großen Liebe, die alles richtig machen will. Bis es kippt. Wieder zurück in ihrem Kinderzimmer fragt Jella sich, wie es so weit kommen konnte. Sie schaut noch einmal genauer hin: auf ihr Aufwachsen in der Lausitz. Kleinstadt und Kiesgruben, Gangsterrap und Glitzerlipgloss. Auf Freundinnen, die sie durch so vieles trugen. Und auf den Moment, in dem Yannicks Hände sich um ihren Hals schlossen.“ (Quelle: Verlagsseite)

Meine Meinung
Das Buch wirft einen ungeschönten Blick auf das Heranwachsen in einer ostdeutschen Kleinstadt während der Jahrtausendwende und die fatale Dynamik einer ersten großen Liebe. 

Im Mittelpunkt steht Jella, die nach einer traumatischen Erfahrung Zuflucht in ihrem alten Kinderzimmer sucht. Von dort aus blickt die Ich-Erzählerin zurück auf ihre Vergangenheit: die von Rollenklischees geprägte Jugend in der Lausitz, die Suche nach Identität und die schrittweise Eskalation in ihrer Partnerschaft mit Yannick. Es ist die Rekonstruktion eines schleichenden Prozesses, der in brutaler körperlicher Gewalt gipfelt und Jella vor den Trümmern ihrer eigenen Illusionen zurücklässt.

Der Prolog hat mich mit einer Schönheit abgeholt, nur um mich dann im ersten Kapitel direkt mit der harten Wahrheit zu konfrontieren. Dieses Hörbuch über Gewalt, toxische Beziehungsmuster und psychischen Schmerz nennt die Dinge ungeschönt beim Namen, was beim Zuhören richtig weh tut. 

Der ständige Wechsel zwischen der Gegenwart und den Rückblicken in Jellas Jugend zeigt eindringlich, wie sie von Anfang an mit toxischer Männlichkeit und männlicher Übermacht konfrontiert war. Es war schockierend, wie sie und ihre Freundinnen voller Eifer versuchten, die ihnen auferlegten Frauenrollen zu erfüllen, während die Jungs ihren Wünschen mit Gleichgültigkeit begegneten. Jella ist in diesem Moment nur eins – sprachlos. Und hat in ihrer Ohnmacht einfach mitgespielt.

Aber auch die Frauen werden in ihrer toxischen Weiblichkeit beschrieben, wie der  Konkurrenzkampf unter den Freundinnen oft die Loyalität verdrängt und so die Einsamkeit noch verstärkt. 

Obwohl ich mich nicht direkt in Jella hineinversetzen konnte, habe ich intensiv mit ihr mitgefühlt. Das schreckliche Trauma bleibt, aber das Ende zeigt zumindest, dass es irgendwie weitergeht. 

Die Figuren sind großartig gezeichnet, selbst in den Nebenrollen. Sie sind differenziert, alle mit eigenem Hintergrund und fernab jeglicher Klischees. 

Der Schreibstil ist emotional und berührend, ohne jemals kitschig zu werden, und die Sprecherin Lili Zahavi trägt souverän und einfühlsam durch diese schwierige Handlung.
Ein ehrliches, kraftvolles Hörbuch, das aufrüttelt und zutiefst bewegt.

Mein Fazit
Ein aufwühlendes und wichtiges Hörbuch, das toxische Dynamiken und Gewalt brutal ehrlich beim Namen nennt. Die eindringliche Sprache und die hervorragende Lesung der Sprecherin Lili Zahavi machen Jellas Schmerz und die verpassten Warnsignale schmerzhaft spürbar. Für mich ist es ein tief berührendes Porträt über das Heranwachsen und den harten Weg zurück zu sich selbst, das mich nachhaltig beeindruckt hat.

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