[Rezension] Anatoli Boukreev, G. Weston DeWalt - "Der Gipfel"

Anatoli Boukreev +  G. Weston DeWalt - Der Gipfel
Erfahrungsbericht
 

Originaltitel: „The Climb“ (1997)
Übersetzerin: Ingrid Rothman
Verlag: Heyne-Verlag
ISBN-13: 978-3-453-40569-1
Seiten: 304 Seiten
Erschienen: 1.4.1998
Umschlaggestaltung: © Grant Dixon /Lonela Planet Images /Getty Images; Bill Stevenson /Aurora /Getty Images
Umschlagabbildung: Nele Schütz Design, München

   
Zum Inhalt
„Anatoli Boukreev, der russische Bergführer aus Scott Fischers Expedition, schildert die Ereignisse an jenem verhängnisvollen 10. Mai 1996 aus seiner Sicht.
Der Russe Anatoli Boukreev hat elf der vierzehn Achttausender ohne Hilfe von Sauerstoff bestiegen und galt als einer der besten Bergsteiger der Welt. An dem verhängnisvollen 10. Mai 1996, als in der Todeszone auf dem Mount Everest fünf Menschen starben, nahm er als Führer an Scott Fischers Expedition teil und kämpfte sich mehrmals durch den peitschenden Wind, um Expeditionsteilnehmer vor dem sicheren Tod zu retten.“ (Quelle: Verlagsseite)

Meine Meinung
Nachdem ich Jon Krakauers „In eisigen Höhen“ gehört hatte und seine Sicht auf das Unglück am Mount Everest im Jahr 1996 erfahren konnte, war ich natürlich gespannt auf das Buch von Anatoli Boukreev, einer der Bergführer, der mindestens drei Menschen in dem furchtbaren Schneesturm gerettet hat, dem auch aber eine Mitschuld am Desaster gegeben wird. 

Seine Sicht der Dinge, die Boukreev gemeinsam mit G. Weston DeWalt als Co-Autor verfasst hat, bietet eine umfassende Darstellung der Geschehnisse. Dabei hat sich Boukreev nicht nur seiner eigenen Erinnerungen bedient, sondern auch Interviews von anderen Beteiligten zitiert. 

Es ist nicht nur der verhängnisvolle Tag der Tragödie im Mai 1996, um den es hier geht, sondern man erfährt auch die Vorgeschichte, wie Boukreev als Bergführer von Scott Fischer angeheuert wird. Es gibt Einblicke in die Vorbereitungen und auch in die Dynamiken während der Expedition. Darüber hinaus ist es natürlich vor allem eine persönliche Verarbeitung der Ereignisse, insbesondere, weil man auch von der Zeit nach dem Unglück erfährt, wie Boukreev sich da gefühlt hat mit allen Anfeindungen, die er erfahren musste. Und leider muss ich aber auch sagen, dass das Buch an vielen Stellen wie eine Rechtfertigung wirkt, wie eine Gegendarstellung zu Jon Krakauers Bericht. 

Auf jeden Fall aber war es unglaublich fesselnd und aufschlussreich. Obwohl ich selbst keine Bergsteigerin bin und die extremen Bedingungen nie erlebt habe, fühlte ich mich beim Lesen viel näher am Geschehen als bei Krakauers Darstellung. Das Buch hat mich von Anfang bis Ende in seinen Bann gezogen, und ich wollte unbedingt erfahren, wie Boukreev die Situation erlebt und bewältigt hat. Mir ging es auch nicht darum, das  ganze Unglück, sein Entstehen und ob es hätte verhindert werde können, zu beurteilen, für mich ging es einfach nur darum, von anderen Betroffenen deren Sicht zu lesen – und habe so das Buch von Boukreev als wichtigen und ehrlichen Erfahrungsbericht empfunden. 

Die Darstellung der Perspektive von Anatoli Boukreev wirkte auf mich sehr ehrlich und authentisch, seine Erläuterungen, warum er keinen zusätzlichen Sauerstoff nutzte und warum er so schnell vom Gipfel abstieg, ohne auf die Klienten zu warten, logisch und nachvollziehbar. 

Der Schreibstil in "Der Gipfel" ist einfach und damit sehr flüssig und schnell lesbar. Es gibt keine unnötigen Ausschweifungen, sondern eine direkte und präzise Schilderung der Ereignisse. Durch diese unkomplizierte Sprache war ich nicht abgelenkt, sondern voll drin im Geschehen.  

Ich finde, man sollte die beiden Bücher – "In eisige Höhen" und "Der Gipfel" – nicht miteinander vergleichen. Sie wurden aus unterschiedlichen Gründen geschrieben und sind jeweils eigenständige Erfahrungsberichte. Für mich ergänzen sie sich vielmehr, indem sie verschiedene Facetten und persönliche Erlebnisse einer unfassbaren Tragödie beleuchten.

Mein Fazit
Wer sich mit der Tragödie beschäftigt, kommt meines Erachtens nicht um diese Perspektive von Anatoli Boukreev herum - sie bietet eine tiefgehende und authentische Sicht einer der Hauptakteure. Boukreevs Bericht ist spannend und aufschlussreich zugleich - ich kann dieses Buch allen empfehlen, die sich ein umfassenderes Bild der Ereignisse machen möchten.



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