Jakob Ejersbo - Nordkraft
Gegenwartsliteratur
Originaltitel: „Nordkraft“ (2002)
Übersetzung: Sigrid Engeler
Verlag: Dumont-Verlag
ISBN-13: 978-3-832-17844-4
Seiten: 537 Seiten
Erschienen: 28.2.2004
Umschlagmotiv: masterfile /Paul Wright, zefa
Zum Inhalt
Aalborg in den 1990er-Jahren: Hinter der Fassade der dänischen Arbeiterstadt brodelt eine Schattenwelt aus Drogen, Kriminalität und Perspektivlosigkeit. Hier kämpft eine verlorene Generation junger Menschen gegen den Stilleben-Trott der Provinz und die eigene Haltlosigkeit. Zwischen dem Sog der Sucht, toxischen Abhängigkeiten und traumatischen Narben treffen Schicksale aufeinander, die alle dasselbe suchen: einen Funken Hoffnung, Liebe und den Ausstieg aus einem Milieu, das keinen Raum für Zukunftsträume lässt. Ein raues, gesellschaftskritisches Porträt über das Überleben am Rande der Gesellschaft.
Meine Meinung
Aalborg, Mitte der 1990er-Jahre: Das Leben einer Gruppe junger Menschen dreht sich ausschließlich um Drogen, Haltlosigkeit und das verzweifelte Suchen nach Auswegen. Maria schlägt sich als Kurierin für ihren gewalttätigen Freund durch und sehnt sich nach einem Neuanfang. Allan kehrt nach Jahren auf See in seine Heimatstadt zurück, um ein sauberes Leben zu beginnen, kämpft jedoch mit den Dämonen seiner Vergangenheit und der Anziehungskraft der alten Sucht. Steso schließlich konsumiert exzessiv alles, was er greifen kann und blickt zynisch auf den Verfall um ihn herum. Ein schonungsloses Porträt einer Jugend im Drogensog der dänischen Provinz.
Es ist ein wichtiger, vor allem aber auch unbeschönigter Roman aus Dänemark, der mich phasenweise an „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ erinnert hat. Er gibt beklemmende, ehrliche Einblicke in die dänische Drogenszene der 80er- und 90er-Jahre und bringt eine Thematik auf den Tisch, die gerade für jüngere Leser extrem wichtig ist.
Der Aufbau des Romans ist in drei aufeinanderfolgende Abschnitte unterteilt, die jeweils eine eigene Hauptfigur begleiten. Während die ersten beiden Stränge zunächst völlig unabhängig voneinander wirken, laufen sie im letzten Abschnitt locker zusammen. Genau an dieser Stelle fand ich die Verknüpfung der Fäden jedoch etwas zu lose geraten – da hätte ich mir eine klarere, geschlossenere Lösung gewünscht.
Sprachlich passt der Roman hingegen hervorragend zum Milieu: Der Stil ist eigenwillig, slanggeprägt und umgangssprachlich, was das raue Lebensgefühl genau auf den Punkt bringt.
Die Charaktere und ihre Wege haben mich dabei sehr unterschiedlich erreicht. Marias Schicksal im ersten Teil hat mich wirklich gepackt. Ihr tristes Leben, geprägt von Not, Elend und einer vielschichtigen Abhängigkeit – nicht nur von den Drogen, sondern auch von ihrem gewalttätigen Freund – ist mir wirklich nahegegangen. Ihre verzweifelten Versuche, aus der Szene auszusteigen, und das ständige Bewusstsein, wie groß ihre Abhängigkeit ist und wie tief sie feststeckt, bewegz beim Lesen ungemein.
Allan im zweiten Teil ist als Figur zwar unheimlich spannend, da er den Absprung aus der Drogenszene geschafft hat, aber als „Rückkehrer“ mit einem schweren Trauma ringt. Ich brauchte jedoch lange, um in seinen Erzählstrang reinzufinden. Das lag vor allem an den kursiv geschriebenen, eingestreuten Abschnitten, die Allans vergangenen Arbeitsalltag beschreiben. Sie wirkten auf mich zunächst etwas aus der Luft gegriffen und verwirrend, bis man nach und nach begreift, dass es auf das eine, alles verändernde Unglück zuläuft.
Im dritten Teil um Steso entglitten mir die Figuren leider; hier wurden es mir schlicht zu viele Personen, die ich kaum noch richtig zuordnen konnte und zu denen ich dann auch keinen Zugang mehr fand.
Es ist kein Roman mit einem großen Spannungsbogen, dafür aber einer, der authentische Einblicke in das Leben der Hauptfiguren bietet und damit wichtige Themen wie Abhängigkeit, Kriminalität, sozialen Abstieg und die Tristesse einer Arbeiterstadt aufgreift.
Mein Fazit
„Nordkraft“ ist ein gewaltiger, unbeschönigter Einblick in die dänische Drogenszene der 90er-Jahre und ein wichtiges Buch über Sucht, Machtlosigkeit und den schwierigen Versuch des Ausstiegs. Obwohl der Roman strukturell im letzten Drittel etwas den Faden verliert und nicht jeder Strang gleich stark ist, bleibt eine eindringliche Geschichte zurück. Eine bewegende, raue Lektüre, die besonders durch ihre Authentizität noch lange nachhallt.

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