[Rezension] Percival Everett - "James"

Percival Everett - James
Roman
 

 Originaltitel: „James“ (2024)
 Übersetzung: Nikolaus Stingl
 Verlag: DAV
 ISBN-13: 978-3-742-43212-4
 Dauer: 488 Minuten
 Erschienen: 14.3.2024
 Sprecher: Benito Bause
 Umschlag: Peter-Andreas Hassiepen, München
 Motive: © Neil Libbert / Bridgeman Images; © Minnesota Historical Society, USA / Bridgeman Images

   
Zum Inhalt
„Jim verbringt seine Tage damit, seine weißen Herren bei Laune zu halten und in gestohlenen Stunden anderen Versklavten zu zeigen, wie sie schlauer werden und sich dümmer stellen können. Doch dann soll er nach New Orleans verkauft werden, wo ein noch düstereres Schicksal auf ihn wartet. Kurzerhand lässt er seine Familie zurück und flieht über den Mississippi nach Jackson Island. Dort trifft er unerwartet auf Huck, der seinen eigenen Tod vorgetäuscht hat, um seinem alkoholsüchtigen Vater zu entkommen. Mit einem Mal wird Jim nicht nur als Entflohener, sondern auch als Mörder gesucht. Dem ungleichen Duo bleibt nichts anderes übrig, als seine Flucht zusammen fortzusetzen.“ (Quelle: Verlagsseite)

Meine Meinung
Jim verbringt seine Tage auf einer Plantage damit, den weißen Herren vorzuspielen, was sie sehen wollen, während er den anderen Versklavten heimlich beibringt, wie man sich dümmer stellt, als man ist. Als ihm der Verkauf nach New Orleans droht, flieht er kurzentschlossen auf eine Insel im Mississippi. Dort trifft er auf den jungen Huck Finn, der ebenfalls auf der Flucht ist. Da Jim fälschlicherweise beschuldigt wird, Hucks Mörder zu sein, fliehen sie nun gemeinsam stromabwärts.

Ich bin sehr zwiegespalten bei diesem Hörbuch. Es ist zweifellos ein wichtiges Thema, und der Roman wurde nicht umsonst mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, aber ich konnte der Geschichte leider nicht viel abgewinnen. Über weite Strecken wirkte das Geschehen auf mich wie ein klassischer Abenteuerroman und weniger wie eine Auseinandersetzung mit einem schrecklichen Kapitel der amerikanischen Geschichte. Ich hatte im Grunde nie Sorge um Jim, sondern war mir immer sicher, dass er überleben wird – genau wie in einer typischen Abenteuererzählung. Dadurch habe ich die elende Härte der Sklaverei nicht spüren können. Die Szenen der Grausamkeit wurden immer nur kurz, oberflächlich und blass erzählt, sodass ich – so leid es mir tut, das zu schreiben – hier kaum mitgefühlt habe.

Ein großer Kritikpunkt ist für mich die Sprache – und gerade sie spielt nicht nur eine große Rolle, sondern wird auch viel gerühmt. Jim redet bewusst mit einem „Sklavenslang“, sodass er dumm wirkt und die Weißen sein wahres Ich nicht erkennen. Ich fand das schauerlich – ob es an der Übersetzung liegt, kann ich natürlich nicht sagen, sicher aber hat dazu auch beigetragen, dass ich Dialekte oder künstliche Umgangssprache in Büchern und Hörbüchern generell nicht mag. Obwohl ich verstehe, dass Jims bewusst einfältige Ausdrucksweise ein zentrales Stilelement ist, hat es mich beim Hören einfach gestört. Der Sprecher Benito Bause liest das zwar gut ein, aber die deutsche Übersetzung wirkt angestrengt, diesen Sklaven-Slang irgendwie passend ins Deutsche zu übertragen.

Auch mit Jim als Hauptfigur bin ich nicht warmgeworden. Dass er sich autodidaktisch eine Bildung aneignet und in Fieberträumen philosophische Debatten mit Voltaire, Locke oder Descartes führt, wirkte auf mich sehr konstruiert und aufgesetzt. Und damit auch einfach nicht glaubhaft – vielleicht hat auch das dazu beigetragen, dass ich dachte, so ein Übermensch kann ja gar nicht sterben bei den vielen Gefahren und Abenteuern. Im Gegenzug dazu erschienen mir die weißen Charaktere klischeehaft und stereotyp gezeichnet – aber vielleicht ist auch das ein Stilmittel. Das Ende der Geschichte ist dafür sehr stark, aber das konnte das Ruder für mich nicht mehr herumreißen.

Mein Fazit 
Ein vielschichtiges Buch mit einer guten Grundidee und einem starken Ende, das mich insgesamt aber enttäuscht hat. Durch die anstrengende Dialekt-Übersetzung, die unrealistisch übergebildete Hauptfigur und den vorwiegenden Abenteuer-Charakter blieb die echte Härte der Geschichte für mich auf der Strecke. Trotz der wichtigen Thematik war das leider gar nicht mein Fall.

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