Rohinton Mistry – Das Gleichgewicht der Welt
Gegenwartsliteratur
Originaltitel: „A Fine Balance“ (1995)
Übersetzung: Mathias Müller
Verlag: Fischer-Verlage
ISBN-13: 978-3-596-14583-6
Seiten: 863 Seiten
Erschienen: 1.12.1999
Umschlaggestaltung: Buchholz / Hinsch / Hensinger
Umschlagabbildung: © Dario Mitidieri
Zum Inhalt
„Bombay, 1975: In der pulsierenden Metropole kreuzen sich die Wege von vier Menschen, deren Leben von nun an untrennbar miteinander verbunden sind. Da ist Dina Dalal, eine Witwe in ihren Vierzigern, die seit fast zwei Jahrzehnten allein durchs Leben geht. Maneck Kohlah, ein junger Student aus dem Himalaya-Gebiet, der in der Großstadt seine Träume verwirklichen möchte. Und die beiden Schneider Ishvar Darji, ein unverbesserlicher Optimist, und sein rebellischer Neffe Omprakash, die der Armut auf dem Land entflohen sind, um in Bombay ihr Glück zu suchen. Während sie sich kennen und schätzen lernen, ahnen sie noch nicht, dass das Schicksal ganz eigene Pläne für sie bereithält.“ (Quelle: Verlagsseite)
Meine Meinung
Ich hatte das Buch in einem Bücherschrank entdeckt – und muss sagen, es ist eine echte Perle!
Bombay im Jahr 1975: Mitten im Ausnahmezustand der indischen Metropole kreuzen sich die Lebenswege von vier Menschen, die aus völlig unterschiedlichen Welten stammen. Die leidgeprüfte Witwe Dina Dalal versucht verzweifelt, ihre Unabhängigkeit in einer von Männern dominierten Gesellschaft zu bewahren. Um finanziell überleben zu können, nimmt sie den jungen Studenten Maneck bei sich auf, der aus dem Himalaya in die Großstadt gekommen ist. Gleichzeitig stellt sie die beiden Schneider Ishvar und seinen Neffen Omprakash an, die der bitteren Armut und der brutalitären Gewalt des Kastensystems auf dem Land entflohen sind. Was als reine Zweckgemeinschaft unter einem Dach beginnt, entwickelt sich langsam zu einer tiefen menschlichen Verbindung, während das politische Chaos und das Schicksal unerbittlich auf das Leben aller vier zugreifen.
Dieses Buch ist ein Meisterwerk und hat mich emotional auf eine Berg- und Talfahrt mitgenommen. Der Autor entführt in das Indien der 1970er-Jahre und zeichnet ein Soziogramm, das so vollkommen anders ist als alles, was ich aus Europa kenne. Mich hat fasziniert und erschüttert zugleich, wie brutal Gegensätze von Armut und Reichtum dort aufeinandertreffen, ohne dass sofort Neid, offener Hass oder Gewalt unter den Menschen ausbrechen. Ihre Einstellung zu dem eigenen Los ist faszinierend und erschreckend zugleich: Sie sind schicksalsergeben, strahlen aber gleichzeitig eine innere Ruhe und Harmonie aus, die mich zutiefst nachdenklich gestimmt hat.
Was den Roman für mich so besonders macht, ist die unglaublich liebevolle und detaillierte Figurenzeichnung. Jede der vier Hauptpersonen ist mir so sehr ans Herz gewachsen, dass ich richtig mit ihnen gelitten habe. Da ist Dina Dalal, eine extrem willensstarke, vom Leben gezeichnete Frau. Auf den ersten Blick wirkt sie manchmal herrisch und gebieterisch, aber mit der Zeit schimmerte ihre Großherzigkeit durch, die sie nur allzu gut zu verstecken weiß. Dann Maneck, ein aufgeschlossener Bursche aus den Bergen, der sich anpasst und unterordnet, anstatt mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Und schließlich die beiden Schneider: Ishvar, der weise, kompromissbereite Mann, der selbst in den düstersten Momenten eine stoische Gelassenheit und einen Zweckoptimismus bewahrt, sowie sein rebellischer Neffe Omprakash. Om ist das genaue Gegenteil – ein ungestümer Hitzkopf, der meckert, kaum nachgiebig ist und sich gegen jegliches Unrecht auflehnen möchte.
Was diese beiden Schneider an Katastrophen erleben müssen, geht weit über das hinaus, was man als Leser vorstellen kann. Dinge wie Zwangssterilisationen, die Verschleppung in ein Zwangsarbeitslager oder der Verstoß aus der Familie treffen sie mit voller Wucht. Und doch verfallen sie nicht in anhaltende Lebenskrisen, sondern fügen sich mit einer schier unbegreiflichen Würde in ihr Schicksal, immer getragen von der leisen Gewissheit, dass auch wieder bessere Zeiten kommen werden.
Der Aufbau des Buches ist wirklich gelungen: Während man die einzelnen Hauptfiguren zu Beginn erst einmal gründlich kennenlernt, begleitet man sie danach über einen langen Zeitraum auf ihren oft verschlungenen Wegen. Am Ende führt der Autor alle Fäden zusammen – sowohl die noch offenen als auch jene, die schon verwoben waren. So spinnt sich das Netz immer enger, bis sich der Kreis auf eine Art und Weise schließt, die mich unglaublich erfüllt und befriedigt zurückgelassen hat. Das Ganze ist in einem einnehmenden, schillernden und bunten Schreibstil erzählt, der in meinem Kopf regelrechte Filme entstehen ließ. Rohinton Mistry beschreibt das Land so detailliert und bildgewaltig, ohne dabei auch irgendwann langatmig zu werden. Kurzum: eine absolute Leseempfehlung!
Mein Fazit
„Das Gleichgewicht der Welt“ ist ein epischer, schmerzhafter und wunderschöner Roman, der das Indien der 1970er-Jahre in all seiner Härte und menschlichen Wärme einfängt. Die einfühlsame Charakterzeichnung und der großartige Handlungsaufbau haben mich von der ersten bis zur letzten Seite vollkommen gefesselt. Für mich ist es ein tief bewegendes Highlight über Menschlichkeit, Schicksal und die Kunst des Überlebens, das mich noch sehr lange begleiten wird.

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