[Rezension] Titus Müller - "Die Dolmetscherin"

Titus Müller - Die Dolmetscherin
Gegenwartsliteratur
 

Verlag: Heyne-Verlag
ISBN-13: 978-3-453-44290-0
Seiten: 416 Seiten
Erschienen: 13.8.2025
Coverdesign: Favoritbuero unter Verwendung von Trevillion Images (CollaborationJS), ullstein bild (Walter Frentz)
 
   
Zum Inhalt
„Asta arbeitet als Dolmetscherin im Kurhotel »Palace« in Mondorf-les-Bains, wo die US-Armee gefangengenommene Nazi-Größen interniert. Am 20. Mai 1945 reist ein neuer Gast an. Er bringt 16 Koffer, eine rote Hutschachtel und seinen Kammerdiener mit. Es ist Hermann Göring, Oberbefehlshaber der Luftwaffe und Hitlers designierter Nachfolger. Asta übersetzt bei den Verhören, reist dann mit nach Nürnberg zu den Prozessen und wird jeden Tag im Gerichtssaal anwesend sein, die abscheulichsten Dinge zu hören bekommen und sie zudem ins Englische übertragen müssen. Umso empfänglicher ist sie für Leonhard, ein junger, sensibler Mann, der ihr sanft den Hof macht. Doch seine Vergangenheit ist undurchsichtig und er stellt verdächtig viele Fragen zu den Prozessen...“ (Quelle: Verlagsseite)

Meine Meinung
Ich lese gerne zur Zeit der Weltkriege und finde gerade auch das Thema der Nürnberger Prozesses wichtig und interessant. In diesem Buch lag der Fokus aber dann doch eher woanders.

Deutschland liegt nach dem Krieg in Trümmern. Im Mittelpunkt des Romans steht Asta, die im Jahr 1945 im Kurhotel „Palace“ als Dolmetscherin arbeitet. Hochrangige Nazi-Größen, so auch Hermann Göring, sind dort untergebracht. Asta bekommt die Möglichkeit, in Nürnberg bei den großen Prozessen zu übersetzen. Jeden Tag ist sie im Gerichtssaal anwesend, hört die grausamen Berichte und muss sie übersetzen. In dieser Zeit lernt sie Leonhard kennen. Doch es ist keine reine Liebesgeschichte, denn sein Interesse an ihr scheint nicht ganz uneigennützig zu sein. Er stellt auffallend viele Fragen zu den Prozessen…

Der Einstieg in den Roman ist mir sehr leichtgefallen. Man merkt sofort, dass Asta ein Geheimnis mit sich trägt, was neugierig macht und für eine angenehme Spannung sorgt. Auch ein zweiter Handlungsstrang um einen kleinen Jungen hat mich anfangs begeistert, da ich unbedingt wissen wollte, wie die beiden Schicksale zusammenhängen. Leider aber habe ich gerade den Mittelteil als eher langatmig empfunden - für meinen Geschmack nahmen Astas Verstrickungen zu viel Raum ein; hier wäre weniger deutlich mehr gewesen. Ich hatte gehofft, dass die Nürnberger Prozesse mehr den Mittelpunkt bilden, doch stattdessen entwickelte sich der Plot für mich immer mehr zu einer Agentengeschichte, die aber zugegebenermaßen einige Wendungen und Überraschungen bietet. 

Im Rahmen der Nürnberger Prozesse, bei denen Asta übersetzt, gibt es einige detaillierte Beschreibungen der Nazi-Verbrechen – das sie schrecklich sind, ist sicher klar, gelungen ist aber die Darstellung, wie Asta bei diesen Beschreibungen leidet und wie schwer ihr das Simultanübersetzen in diesen Szenen fällt. Interessant war für mich auch, wie das Simultanübersetzen organisiert war – damals war das noch ein Novum, und es steckte eine Menge an Organisatin dahinter, damit es in den Prozessen dann auch reibungslos alles klappt.

Trotz der guten Beschreibungen im Rahmen der Prozesse konnte mich das Buch am Ende nicht überzeugen. Die Charaktere blieben mir bis zum Schluss eher fremd, eine emotionale Beziehung gerade auch zu Asta konnte ich nicht aufbauen, was es mir schwer machte, mitzufühlen. Das Ende kommt dann – im Vergleich zum Erzähltempo im Mittelteil – sehr schnell und mir auch zu abrupt. 

Lesen konnte man das Buch sehr gut – der Schreibstil ist eingängig und hat auch die Atmosphäre im Nachkriegsdeutschland sehr gut eingefangen. Die Handlung selber aber hat mir leider nicht so gut gefallen. 

Mein Fazit
„Die Dolmetscherin“ punktet mit einer starken historischen Atmosphäre und einem spannenden Grundkonzept, verliert sich für mich aber zu sehr in einer komplexen Agentenhandlung. Wer einen Fokus auf die Nürnberger Prozesse erwartet, könnte hier enttäuscht werden. Ein atmosphärischer Roman, der sich gut lesen lässt, der meine Erwartungen aber leider nicht erfüllen konnte. 

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