[Rezension] Iryna Fingerova - "Zugwind"

Iryna Fingerova - Zugwind
Gegenwartsliteratur
 

Übersetzer: Jakob Walosczyk (in Teilen, in Teilen von der Autorin in Deutsch geschrieben)
ISBN-13: 978-3-732-48621-2
Dauer: 513 Minuten
Erschienen: 3.3.2026
Sprecherin: Lisa Hrdina
Umschlaggestaltung: Anzinger und Rasp, München
Umschlagabbildung: Anastasiia Starko

   
Buchrückentext
„Mira Zehmann ist Hausärztin, Mutter, Ehefrau. Sie stammt aus einer jüdischen Familie in Odesa, vor Jahren hat sie zusammen mit ihrem Mann die Ukraine verlassen, um in Deutschland ihr eigenes Leben zu leben – für sich und ihre kleine Tochter. Doch als in ihrer alten Heimat Bomben explodieren, gerät ihre Welt aus den Fugen, und ein erbarmungsloser Zugwind weht durch ihr Leben.
Die Hausarztpraxis wird zur Anlaufstelle, lang ist die Schlange der ukrainischen Patienten, die alle zu Mira wollen auf der Suche nach Trost, nach Heilung und Mitgefühl. Ob eine Affäre hilft, Miras Unmut über den unendlich langen Besuch der Schwiegermutter zu überwinden? Als Mira verfolgt, wie ihre Patienten zwischen den Welten reisen, steht für sie fest: Sie muss nach Odesa, muss ihre über neunzigjährige Oma besuchen, das Meer sehen, mit ihren Freunden tanzen gehen.“ (Quelle: Verlagsseite)

Meine Meinung
Es ist ein besonderes Buch, das aktueller nicht sein könnte und das die Zerrissenheit einer in Deutschland lebenden ukrainischen Hausärztin sehr gut darstellt. Es ist Mira, die erzählt – von ihrem Alltag in der Praxis, der fast schon zum Spiegelbild des Krieges in ihrer Heimat wird, weil immer mehr geflohene Landsleute in ihrem Wartezimmer sitzen. Ständig fühlt sie sich im Spannungsfeld zwischen professioneller medizinischer Distanz und der tiefen persönlichen Betroffenheit durch die gemeinsamen Wurzeln und Ängste.

Gelesen wurde das Buch von Lisa Hrdina. Sie hat eine etwas herbere Stimme, die für mich sehr gut zu der Zerrissenheit passt, die Mira durchlebt. Die Sehnsucht nach Normalität als auch die ständige Angst um die Heimat reiben sich und wurde von der Sprecherin sehr gut eingefangen. 

Manchmal war es mir zu viel „Praxisalltag“ (vielleicht auch, weil ich selber in diesem Bereich arbeite), gleichzeitig aber wird der Krieg hier greifbar, wenn er in Form von erschöpften Frauen mit gebrochenem Deutsch und voller Heimweh im Wartezimmer sitzt. Diese eigene Sprache und vor allem die damit verbundenen Gefühle versteht Mira nur zu gut, so dass es ihr fast nicht möglich ist, beides voneinander zu entkoppeln. 

Privat ist die Ich-Erzählerin eigentlich glücklich, sie liebt ihren Mann und vor allem ihre kleine Tochter. Doch diese Harmonie wird von ihren Schuldgefühlen überschattet. Selbst in Momenten der Entspannung, wie im Urlaub auf Mallorca oder in Griechenland, nagt die quälende Frage an ihr, ob sie überhaupt ein Recht auf Glücksgefühle hat, während ihre Landsleute leiden. Diesen titelgebenden „Zugwind“ spürt sie immer wieder, nie lässt er sie zur Ruhe kommen und gibt ihr das bittere Gefühl, nirgendwo mehr vollständig zu sein.

Der Schreibstil ist nüchtern, beinahe trocken und kommt fast ohne explizite Emotionen aus. Das erzeugt eine sachliche Distanz, die dem schweren Thema zwar den nötigen Raum gibt, aber auch dazu führte, dass ich den Schmerz zwar nachvollziehen, ihn aber nicht immer fühlen konnte. Und so ist mir Mira die ganze Zeit eher fremd geblieben. Gleichzeitig fand ich aber die Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelt sehr bereichernd, denn es ist noch mal ein ganz andere Blick auf den Krieg in der Ukraine und was er mit den Menschen macht – sowohl vor Ort als auch hier in Deutschland. 

Der Aufbau des Romans wirkte auf mich etwas sprunghaft; die Wechsel zwischen den Erlebnissen in der Praxis und den Geschehnissen in Odesa konnte ich nicht immer gut zusammenbringen, und an vielen Stellen hatte ich eher das Gefühl eines langes, intensives Essays als eines klassisch konstruierten Romans. 

Dennoch habe ich das Buch als sehr bereichernd empfunden, weil es mir ganz neue Perspektiven auf ein schwieriges und leider immer noch aktuelles Thema ermöglicht hat. 

Mein Fazit
„Zugwind“ ist eine eher sachliche Auseinandersetzung einer ukrainischen Ärztin in Deutschland mit ihrem ständigen Gefühl der inneren Zerrissenheit zwischen zwei Welten. Die kühle Erzählweise bildet ein interessantes Gegengewicht zur emotionalen Schwere der Themen, hat zumindest bei mir aber auch verhindert, eine tiefe Bindung zur Ich-Erzählerin aufzubauen. Es ist aber dennoch ein wichtiges Zeitzeugnis über den schmerzvollen Spagat zwischen sicherem Alltag in Deutschland und der ständigen Sorge um die Lieben in der Ukraine. Ich empfehle das Buch gerne weiter. 





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