[Rezension] Charles Lewinsky - "Ein andere Geschichte"

Charles Lewinsky - Eine andere Geschichte
Gegenwartsliteratur
 

 Verlag: Diogenes-Verlag
 ISBN-13: 978-3-257-07378-2
 Seiten: 416 Seiten
 Erschienen: 25.3.2026
 Sprecher: Christian Heller
 Umschlagabbildung: Gemälde von ÚrculoFernández, „The Return“, 1966

   
Buchrückentext
„Los Angeles, 1959. Der betagte Filmproduzent Curtis Melnitz wird jede Nacht von Albträumen heimgesucht. Er braucht unbedingt Schlaftabletten – aber die bekommt er nur, wenn er regelmäßig zur Psychoanalyse geht. Auf der Couch des Psychiaters erzählt er wider Willen seine Geschichte, sein Leben zwischen Hollywood und Berlin, zwischen der noch schwarz-weißen, stummen Traumfabrik und der umso grelleren, schreienden deutschen Wirklichkeit des frühen 20. Jahrhunderts. Jede Sitzung ein Kapitel. Ein Leben wie ein Roman.“ 

Meine Meinung
Charles Lewinsky ist ja vor allem bekannt durch seinen Familienroman „Melwitz“ – dass nun auch in diesem Buch ein „Melwitz“ im Mittelpunkt steht, hat mich erst verwirrt. Es ist aber ein eigener Roman und kann oder sollte auch alleine gelesen werden; denn wie der Titel schon sagt: Es ist „Eine andere Geschichte“.

Im Mittelpunkt steht Curtis Melnitz im Los Angeles des Jahres 1959. Den betagten Filmproduzenten plagen Schlafstörungen durch schwere Alpträume. Sein einziger Ausweg sind Schlaftabletten, doch diese erhält er nur unter einer Bedingung: Er muss sich der Psychoanalyse bei Dr. Cowan unterziehen. Widerwillig spielt er das Spiel mit und beginnt zu erzählen. 

Jede Sitzung bildet ein Kapitel seines Lebens, das sich zwischen der aufstrebenden, noch stummen Traumfabrik Hollywoods und der grausamen, lärmenden Realität Deutschlands im frühen 20. Jahrhundert aufspannt. Und so lernt man Melwitz kennen, sein Leben, das selbst wie ein gewaltiges Drehbuch wirkt.

Die Art und Weise, wie der Roman aufgebaut ist, hat mir sehr gut gefallen, auch wenn ich mich anfangs erst mal einfinden musste – denn tatsächlich ist jedes Kapitel eine Station im Leben Curtis‘ oder eine Anekdote seines Lebens. Dann aber hat mich die Art, wie die Geschichte ausgerollt wird, richtig gepackt. Mit jedem Kapitel bin ich Curtis Melwitz ein bisschen näher gekommen und habe auch eine Menge über Filmgeschichte gelernt – es fallen bekannte Namen wie Sam Goldwyn oder Louis Mayer oder er berichtet von Klassikern wie „Ben Hur“ oder Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ mit seiner besonderen Ohne-Schnitt-Kameratechnik. 

Sehr gelungen ist für mich der Kniff, die gesamte Handlung konsequent nur aus Curtis’ Perspektive zu erleben. Dass Dr. Cowan nie selbst spricht und nur indirekt durch Curtis’ Reaktionen spürbar wird – etwa wenn er sagt, dass er ihn bestimmt langweile –, hat mich beim Lesen unglaublich nah an das Geschehen herangeholt.

Der Schreibstil ist gewinnend, angenehm und leicht lesbar, dabei auch sehr atmosphärisch. Im Mittelteil war es mir dann zeitweise doch zu „filmlastig“, das aber ändert sich dann im letzten Viertel. Hier rücken Schilderungen aus dem Weltkrieg in den Vordergrund - es ändert sich damit natürlich auch der Erzählton – die oft leichten und belustigenden Schilderungen werden abgelöst von schrecklichen und belastenden Eindrücken, die schließlich die notwendige Erklärung für Curtis’ tiefe Traumata und seine heutige Schlaflosigkeit liefern. 

Einige Kapitel habe ich als Hörbuch gehört und war von dem Sprecher Christian Heller sehr begeistert. Er verleiht den Anekdoten eine Lebendigkeit, die mich noch tiefer in die Geschichte hineingezogen hat.
 
Der Schluss des Romans hat mir dann auch sehr gut gefallen, denn die Therapie wird in einer besonderen Art beendet – mehr verrate ich natürlich nicht. 

Mein Fazit
Charles Lewinsky verbindet die glitzernde Filmwelt geschickt mit den Abgründen der deutschen Geschichte. Trotz kleinerer Längen im Mittelteil hat mich der Roman durch seine kluge Erzählweise und das emotionale Gewicht des letzten Viertels berührt. Ein atmosphärischer Rückblick, der noch immer nachhallt.

WERBUNG: Vielen Dank an den Diogenes-Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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