[Rezension] Thomas Hettche - "Liebe"

Thomas Hettche - Liebe
Gegenwartsliteratur
 

ISBN-13: 978-3-732-42236-4
Dauer: 186 Minuten
Erschienen: 12.3.2026
Sprecher: Matthias Brandt, Martina Gedeck

   
Buchrückentext
„Max stellt künstliche Augen her. Er ist Okularist. In seiner Praxis, über der Flamme des Bunsenbrenners, formt er feine Glaskugeln, versieht sie mit farbigen Äderchen, Iris und Pupille. Max weiß von der stillen Sprache der Blicke. An den Blitzschlag der Liebe aber glaubt er mit Anfang sechzig nicht mehr. Bis er eines Sommerabends Anna begegnet und ihn die Gefühle in ungekannter Wucht überwältigen.
Anna geht es genauso, doch sie ist verheiratet, und so bleiben den beiden immer nur Tage, das zu leben, was nicht sein darf. Und immer sind da die Erinnerungen, die Träume, die Schatten. Das stürzt Max in Verzweiflung, denn er weiß, er hat seine große Liebe gefunden. Und er ahnt, dass sie ihn auf eine unheimliche Probe stellen wird.“ (Quelle: Verlagsseite)

Meine Meinung
Max ist Anfang sechzig und hat eigentlich nicht mehr damit gerechnet, dass ihn die Liebe noch einmal so richtig trifft. Beruflich stellt er als Okularist künstliche Augen aus Glas her. An die Liebe glaubt er nicht mehr, doch als er eines Abends Anna begegnet, überrollen ihn seine Gefühle mit einer Wucht, die er nicht mehr für möglich gehalten hatte. Da Anna verheiratet ist, können die beiden nur wenig Zeit miteinander verbringen. Was als intensive Affäre beginnt, stürzt Max bald in tiefe Verzweiflung, weil er spürt, dass er seine große Liebe gefunden hat, sie aber kaum erreichen kann. Und er merkt, dass diese Verbindung ihn auf eine unheimliche Probe stellen wird.

Mich hat dieses Hörbuch vor allem durch seine stille Intensität tief berührt. Es ist die Schilderung eines Mannes, der eigentlich mit den großen Gefühlen abgeschlossen hatte und dann völlig unvorbereitet von ihnen überrollt wird.

Die Charaktere sind sehr gut gezeichnet, wobei mir Max deutlich näherkam als Anna. Das liegt sicher auch an der Erzählperspektive, denn Max erzählt und Anna lernt man nur durch seine Schilderungen und einig wenige Messenger-Chats kennen. So ist mir Anna eher fremd geblieben, und weder ihre Motivation noch ihr „schlechtes Gewissen“ konnte ich richtig fühlen. 

Neben der nicht immer einfachen Beziehung zwischen Max und Anna – wenn man es überhaupt so nennen darf – bekommt auch Max‘ Beruf einen gewissen Raum. Er ist Okularist und stellt künstliche Augen her. Ich hatte mich damit bislang nicht beschäftigt und fand es daher sehr interessant, mehr von diesem Handwerk zu erfahren – aber auch die Verbindung der Augen zum großen Gefühl der Liebe fand ich wirklich gelungen. 

„Liebe kennt keine Zeit“ ist ein Mantra, das sich wie ein roter Faden durch den ganzen Roman zieht. Die Darstellung der Intimität ist sehr feinfühlig, insgesamt herrscht aber eher eine melancholische Stimmung, oft auch mit Schmerz durchzogen – mal durch das intensive Glück, das Max verspürt, das aber fast schon wehtut, gepaart mit dem Schmerz der Qual, die beim Vermissen oder auch in vielen ungewissen Situationen auftritt. Vielleicht tritt der Schmerz auch so in den Vordergrund, weil es doch eher um die körperliche, romantische Liebe geht und weniger um eine tiefe Verbundenheit zwischen beiden, die sich durch Gespräche und gemeinsame Erlebnisse ergibt. 

Es ist ein kurzer Roman und dennoch von enormer Intensität und Dichte. Matthias Brandt übernimmt als Erzähler den Großteil des Hörbuchs und verleiht Max eine glaubwürdige, verletzliche Tiefe. Martina Gedeck liest die Messenger-Nachrichten von Anna, und natürlich sind diese weniger nahbar als Max‘ Gedanken, zeichnen aber ein gutes Bild, so dass ich mir Anna gut vorstellen, wenn auch nicht verstehen, konnte. 

Ich mochte das Hörbuch wirklich gerne, für mich hätte es aber gerne etwas länger sein dürfen.

Mein Fazit
Ein kurzes, aber atmosphärisch sehr dichtes Werk über die Wucht einer späten Liebe. Sprachlich ist das Buch sehr elegant und schafft eine Tiefe und Intensität, auch wenn ich mich in die Figuren nicht gut einfühlen konnte. Dennoch - ein intensives Erlebnis für alle, die an die zeitlose Kraft großer Gefühle glauben.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Teile mir deine Gedanken und Kommentare zu meinem Beitrag mit - ich freue mich sehr auf unseren Austausch!

DATENSCHUTZ: Mit dem Absenden deines Kommentars und dem Einverständnis der Kommentar-Folgefunktion bestätigst du, dass du meine Datenschutzerklärung sowie die Datenschutzerklärung von Google gelesen hast und akzeptierst.