[Rezension] Lydia Sandgren - "Das Bild meiner Mutter"

Lydia Sandgren - Das Bild meiner Mutter
Gegenwartsliteratur
 

 Originaltitel: „Samlade verk“ (2020)
 Übersetzer: Stefan Pluschkat, Karl-Ludwig Wetzig
 Verlag: Heyne-Verlag
 ISBN-13: 978-3-453-42674-0
 Seiten: 874 Seiten
 Erschienen: 12.9.2023
 Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design
 Umschlagabbildung: Getty Images (Shaw Photography Co.)

   
Buchrückentext
„Der Göteborger Verleger Martin Berg versinkt angesichts beruflicher und privater Krisen in Erinnerungen an seine Studienzeit in der Göteborger und Pariser Bohème. Damals lernte er seine große Liebe Cecelia kennen, die ihn und ihre beiden Kinder einige Jahre später urplötzlich verließ. Seitdem haben sie nichts mehr von Cecelia gehört. Nur ihr Bild ist ihnen geblieben, verewigt im Werk eines befreundeten Künstlers. Doch eines Tages glaubt Martins Tochter Rakel, ihre Mutter in einer Romanfigur erkannt zu haben, und die Suche beginnt…“ 

Meine Meinung
Lydia Sandgren hat mit ihrem Debüt einen gewaltigen Roman geschaffen, der mich in das Leben von Martin Berg entführt hat. Ihn begleite ich über mehrere Jahrzehnte – von seinen Studentenleben im Göteborg der 80er Jahre, seinem Leben in Paris bis hin zu seiner Gegenwart als Familienvater und gestandener Verleger. Über allem schwebt wie ein dunkler Schatten das Verschwinden seiner Frau Cecilia. Die brillante Akademikerin ist einfach plötzlich gegangen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Geblieben ist nur ein Bild, ein Portrait, das der befreundete Maler Gustav geschaffen hat – doch auch er weiß nicht, wo seine Muse geblieben ist…

Ich habe das Buch wirklich gerne gelesen, was vor allem an diesem unglaublich einnehmenden Schreibstil liegt. Ich fühlte mich während Martins Studienzeit regelrecht an seine Seite versetzt; ob in rauchigen Cafés, in den Straßen von Paris oder auf ausufernden Partys – ich hatte immer das Gefühl, direkt dabei zu sein. An seiner Seite dabei auch immer Gustav, bester Freund und doch ganz anders als Martin, ist er wie durch ein unsichtbares Band mit ihm verknüpft – den einen konnte ich mir ohne den andern gar nicht vorstellen. Diese Szenen wirkten auf mich extrem atmosphärisch und lebendig, als würde ich diese Momente gemeinsam mit ihnen durchleben. Trotz der vielen Details wurde es mir nie langweilig, weil die Sprache mich einfach getragen hat. 

Martin als Hauptfigur mochte ich sehr, auch wenn er immer ein wenig verloren und tragisch wirkt. Er will eigentlich diesen einen großen Roman schreiben, verliert sich aber immer wieder, findet nie den entscheidenden Punkt, fängt an, verwirft und beginnt erneut von vorn. Ich hatte beim Lesen oft den Eindruck, dass er ein Mensch ist, der Impulse von außen braucht. Lange Zeit kamen diese von Gustav, später von Cecilia – er schien irgendwie immer auf der Suche und wirkt damit immer verloren.

Großartig beschrieben ist die besondere Freundschaft zwischen Martin und dem Maler Gustav Becker. Die zwei sind so unterschiedlich, wie man es nur sein kann, und halten trotzdem bedingungslos zusammen. Es gab Momente, in denen ich dachte, die beiden könnten eigentlich auch ein Paar sein – dieses Gefühl einer fast schon romantischen, platonischen Liebe schwingt für mich in ihrer Vertrautheit ständig mit. Gustav ist ein wahnsinnig eindrücklicher Charakter, sehr eigen und selbstbewusst. Er macht einfach sein Ding und schert sich nicht darum, was die Welt von ihm erwartet. Er ist der aktive Pol, während Martin oft nur reagiert. 

Cecilia hingegen hat es mir als Leserin schwer gemacht. Ich mochte sie nicht besonders, weil ich ihr Verhalten als extrem egoistisch empfunden habe. Sie ist so sehr in ihrer akademischen Welt gefangen, dass sie scheinbar nur sich selbst sieht. Dass sie ohne Gründe und ohne eine Spur nicht nur Martin, sondern die auch die Kinder im Stich lässt, war für mich schwer zu ertragen. Auch die große Liebe zwischen ihr und Martin konnte ich nicht wirklich spüren; für mich war es eher eine einseitige Abhängigkeit, in der Martin ihr verfallen war, ohne dass von ihrer Seite dieselbe Wärme zurückkam.

Über große Teile des Romans geht es um diese drei Personen, ihr Leben, ihre Studienzeit und schließlich auch ihr Ankommen im „erwachsenen“ Leben. Obwohl ich Coming-of-Age-Geschichten eigentlich nicht so gerne lese, mochte ich diese hier sehr und fühlte mich wie ein Teil dieser ungewöhnlichen Dreier-Freundschaft. 

Ein wenig enttäuscht hat mich jedoch das letzte Viertel des Buches. Die Suche nach der verschwundenen Cecilia wird erst spät zum eigentlichen Thema, obwohl sie im Klappentext als der zentrale Kern angekündigt wird. Dass es am Ende keine richtige, befriedigende Auflösung gibt und für mich so viele Fragen offen blieben, fand ich nach der langen gemeinsamen Reise mit den Figuren sehr schade. Dennoch bleibt die Charakterstudie als Ganzes meisterhaft.

Mein Fazit 
Lydia Sandgren hat mit diesem Roman eine Charakterstudie geschaffen, die mir sehr gut gefallen hat. Auch wenn das Ende mich mit einigen Fragezeichen zurücklässt, sind es vor allem Martin und Gustav, die diese Geschichte für mich so besonders gemacht haben. Man kommt den Figuren psychologisch so nah, dass das eigentliche Rätsel fast zur Nebensache wird. Ein unglaublich atmosphärisches Buch über eine tiefe Freundschaft, das mich trotz der vielen Seiten keine Sekunde losgelassen hat.


1 Kommentar:

  1. Hallo liebe Sabine,
    auf Insta habe ich dich vermisst, dachte irgendwie an eine Auszeit oder Urlaub. Doch nun sehe ich deine Rezension zu diesem interessanten Roman. Mit über 800 Seiten warst du damit sicher eine ganze Weile beschäftigt und anscheinend hat dich die Geschichte auch voll und ganz erreicht. Manche Figuren ziehen einfach mit und man möchte alles über sie erfahren. Das scheint ja hier auch der Fall gewesen zu sein.

    Ich wünsche dir noch einen schönen Sonntag!
    Liebe Grüße
    Barbara

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