[Rezension] Salih Jamal - "Suki"

Salih Jamal - Suki
Gegenwartsliteratur
 

 Verlag: edition federleicht       
 ISBN-13: 978-3-689-35024-6
 Seiten: 209 Seiten
 Erschienen: 2.10.2026
 Umschlaggestaltung: KI-generiert: Midjourney, ChatGPT, Adobe Firefly

   
Buchrückentext
„Suki ist sechszehn, trotzig, verletzlich, komisch – und verloren. Sie treibt durch Berlin. Anna Fischer, ihre Lehrerin, versucht, eine Vergangenheit unter Verschluss zu halten. Zwischen beiden entsteht eine fragile Nähe, die für einen Moment die Kälte der letzten Dezembertage unterbricht.“ 

Meine Meinung
Die sechzehnjährige Suki lebt nach der Trennung der Eltern bei ihrer Großmutter und fühlt sich verlassener denn je. Im Berliner Winter bewegt sie sich durch eine Wirklichkeit, die sie nicht fassen kann, in der sie sich selber nicht einordnen kann und die sie zwar verletzlich, aber auch trotzig macht. Auch die Lehrerin Anna Fischer ist von Trauer und Verlust gezeichnet. Als die beiden aufeinandertreffen, entsteht etwas sehr Persönliches: das vorsichtige Gefühl, von einem anderen Menschen endlich wirklich gesehen zu werden.

Irgendwie hatte ich gedacht, es handelt sich bei dieser Geschichte um eine Art Roadmovie – davon ist man aber weit entfernt. Und obwohl ich ganz andere Erwartungen hatte, wurde ich nicht enttäuscht – ganz im Gegenteil: Mich hat die Geschichte um Suki sehr berührt und lange nicht losgelassen.

Suki ist sicher kein Mensch, den man auf den ersten Seiten sofort sympathisch findet oder direkt ins Herz schließt. Sie fühlt sich unverstanden und verletzt, reagiert trotzig, krawallig und abweisend. Aber gerade das macht sie so ungeheuer echt. Es ist in jedem Moment spürbar, wie tief ihre Wunden sitzen und wie sehr dieses junge Mädchen gerade mit sich selbst und dem Leben ringt. Umso schöner und berührender war für mich ihre zaghafte Verbindung zu Anna – und auch eine zweite, ganz parallele Annäherung an ihre Schulkameradin MenschMeier, die genauso alleine und isoliert durch den Alltag geht. Ich fand es unheimlich spannend zu beobachten, wie unterschiedlich diese beiden Dynamiken ablaufen und wie die Figuren auf ganz eigene Weise miteinander kommunizieren.

Auch die Lehrerin Anna trägt ein schweres Paket mit sich herum. Ihre Verletzlichkeit zeigt sich allerdings nicht auf diese pubertierende, laut-polternde Art, sondern auf eine sehr erwachsene, stille Weise. Man spürt ihr ständiges Hadern in fast jeder Szene, denn natürlich weiß sie als Pädagogin ganz genau, dass ein persönlicherer Kontakt im schulischen Kontext heikel ist. Dabei geschieht offensichtlich gar nichts Verfängliches – außer ein zwar wortarmer, aber intensiver Austausch voller emotionaler Nähe und mit ganz beiläufigen, leichten Berührungen, die aber enorm viel auslösen.

Es ist eine stille Annäherung, leise und unglaublich fragil. Beide agieren mit einer enormen Vorsicht – aus Angst vor dem, was da kommen könnte, aber vor allem aus der Sorge heraus, dass dieses zarte Band sofort wieder zerbricht. Für mich war dieses ungesagte „Etwas“, das da permanent im Raum schwebte, so hochgradig fragil, dass ich beim Lesen manchmal fast die Luft angehalten habe, aus Furcht, dass sogar ich es mit meinem Atmen zum Zerbersten bringen könnte. Da nur sehr wenig Konkretes ausgesprochen und alles nur fein angedeutet wird, bleibt unheimlich viel Raum für eigene Gedanken, Vermutungen und Ideen.

Salih Jamals Schreibstil ist unheimlich atmosphärisch, dicht und mit einem Hauch von mystischer Stimmung. Das Buch lässt sich wunderbar flüssig lesen und schenkt einem viele starke, nachhallende Bilder. Es ist definitiv kein Roman, der von einer schnellen oder spektakulären Handlung lebt, sondern ein leises, intimes Werk voller tiefer Innenansichten, das mich absolut begeistert hat.

Mein Fazit 
Das Buch ist kein unterhaltsamer Roman für zwischendurch, den man liest und schnell wieder vergisst. Es ist ein intensives, zartes und nachdenkliches Werk, das auf Einsamkeit, schmerzhafte Verluste und Enttäuschungen aufmerksam macht und zeigt, wie viel Menschlichkeit in ganz kleinen Gesten und passenden Worten stecken kann. Die Geschichte erzählt von Menschen, die einander wirklich sehen, zuhören und zum ersten Mal nicht fortgehen. Genau darin liegt die stille Magie dieses Buches: Hoffnung muss nicht laut sein, manchmal reicht eine ausgestreckte Hand, ein ehrlicher Blick und das Gefühl, mit der eigenen Geschichte nicht länger allein zu sein.

Vielen Dank an den Autor Salih Jamal für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.  

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