Richard Adams - Unten am Fluss
Fabel
Originaltitel: „Watership down“ (1972)
Übersetzung: Egon Strohm
Verlag: Ullstein Buchverlage
ISBN-13: 978-3-548-25222-2
Seiten: 656 Seiten
Erschienen: 2001
Umschlaggestaltung: DYADEsign, Düsseldorf
Titelabbildung: Mauritius, Mittenwald
Zum Inhalt
„Der junge Fiver spürt, dass seinem Volk das Verderben droht. Nur seine engsten Freunde kann er überreden, mit ihm das Kaninchengehege zu verlassen und sich auf die Suche nach einer neuen Heimat zu machen. Was sie unterwegs durchleben, ist so beispielhaft wie fesselnd: zahllose Abenteuer, Meuterei, Treuebruch und Heldentum, Schlachten mit hohem Blutzoll – und schließlich der glückliche Einzug ins Land der Freiheit und des Friedens.“ (Quelle: Verlagsseite)
Meine Meinung
Dem kleinen Kaninchen Fiver wird eine schreckliche Katastrophe prophezeit, daher beschließt eine kleine Gruppe von Ausreißern unter der Führung seines Bruders Hazel, den Heimatbau zu verlassen. Auf der Suche nach einem sicheren Ort müssen sie sich durch eine feindselige Welt kämpfen. Die Reise führt sie durch unwegsames Gelände, vorbei an Fressfeinden und Gefahren der Menschenwelt, bis sie schließlich auf dem Watership Down ein neues Zuhause gründen wollen. Doch um das Überleben ihrer neuen Gemeinschaft langfristig zu sichern, müssen sie sich nicht nur auf die Suche nach Weibchen begeben, sondern sich auch dem autoritären Regiment des grausamen Generals Woundwort und seiner militaristischen Diktatur stellen.
Ich habe das Buch für meinen Buchclub gelesen und war anfangs zwar skeptisch, aber rasch hat mich die Geschichte gefesselt. Während des Lesens hat mich aber immer die Frage beschäftigt, ob es ein Kinderbuch ist oder eher nicht. Angesichts der stellenweise drastischen Gewalt und Härte würde ich das verneinen. Ich sehe es eher als Fabel, auch wenn hier nicht alle Kriterien passen: Das Verhalten der Kaninchen entspricht verblüffend exakt den natürlichen Verhaltensmuster echter Tiere – hier hat der Autor wirklich gut recherchiert –, sie haben aber Verstand, können miteinander sprechen, haben sogar eine eigene Kaninchensprache, Namen und Emotionen und agieren doch auch menschlich. Die vielen englischen Pflanzennamen der Figuren haben es mir anfangs etwas schwer gemacht – da weiß ich aber nicht, ob die neuere Übersetzung das anders gelöst hat. Doch schnell entwickelte sich der Roman zu einem spannenden Abenteuerroman. Insbesondere das letzte Drittel, in dem die Suche nach den Weibchen und der Konflikt mit dem verfeindeten Bau im Mittelpunkt stehen, ist rasant und fesselnd. Aber es bleibt nicht bei einem spannenden Abenteuer, denn unter dieser Abenteuerkulisse schimmern komplexe gesellschaftliche Strukturen sowie menschliche Abgründe und Qualitäten durch: Machtgier und Neid, aber auch Freundschaft und Zuneigung.
Die Charaktere sind vielschichtig ausgearbeitet. Hazel wirkt zu Beginn keineswegs wie eine geborene Anführerpersönlichkeit, entwickelt jedoch mit Klugheit und Souveränität genau das Auftreten, das die Truppe zusammenhält. Fiver mit seinem „zweiten Gesicht“ blieb für mich zwar ein etwas undurchsichtiges Kaninchen, seine prophetischen Eingebungen erweisen sich jedoch als essenziell für das Überleben der Gruppe. Besonderen Respekt habe ich für Bigwig empfunden: Auch er ist mit Führungsqualitäten ausgestattet, dennoch ordnet er sich treu unter und agiert als umsichtiger, starker Beschützer. Tief berührt hat mich zudem der kleine Pipkin, der immer wieder über seine eigenen Ängste hinauswächst. Dandelion ist der Geschichtenerzähler in der Runde – seine erzählten Mythen erfüllen für die Gruppe einen wichtigen Zweck: Sie sorgen für Zusammenhalt und heben die Moral; ich persönlich hätte sie aber nicht unbedingt gebraucht. Auf Seiten der weiblichen Figuren sticht Hyzenthlay heraus – ein weibliches Kaninchen aus dem „feindlichen Bau“, das schlau und entschlossen agiert, Gefahren erkennt und mutig handelt. Als Gegenpol fungiert General Woundwort – er ist der geborene Bösewicht und agiert als schrecklicher Diktator im feindlichen Bau.
Sprachlich ist der Roman angenehm. Der Schreibstil ist eingängig, lässt sich gut lesen und lebt von den vielen lebendigen Dialogen zwischen den Tieren. Auch die angenehme Kapitellänge trägt zu einem flüssigen Leseerlebnis bei. Ein besonders schönes Detail ist jedem Kapitel vorangestellt: Passende Zitate aus Werken bekannter Persönlichkeiten stimmen auf den nachfolgenden Abschnitt ein.
Das Ende gestaltet sich außerordentlich rührend und emotional. Trotz der spürbaren Traurigkeit wohnt den letzten Seiten eine tiefgreifende Harmonie inne, die ein warmes Gefühl im Bauch zurücklässt.
Mein Fazit
„Unten am Fluss“ ist ein ergreifender, vielschichtiger Abenteuerroman, der weit über eine reine Tiergeschichte hinausreicht. Es ist ein Klassiker und eine zeitlose Erzählung über Freiheit, Tyrannei und Zusammenhalt. Trotz auch blutiger Kämpfe und schwer aushaltbarer Brutalität hinterlässt das Buch einen berührenden Eindruck – ein Klassiker, der lange im Gedächtnis bleibt.

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