[Rezension] Charlotte Roth - "Als wir unsterblich waren"

Charlotte Roth - Als wir unsterblich waren
Historischer Roman, 2 Zeitebenen

Verlag: Knaur-Verlag
Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München
Umschlagabbildung: © Malgorzata Maj /Trevillion Images, akg-images
ISBN-13: 978-3-426-51206-7
Seiten: 576 Seiten
Erschienen: 2. Mai 2014

Buchrückentext
„November 1989. »Willkommen in Westberlin«, dröhnt es aus einem Lautsprecher, als die Ostberliner Studentin Alexandra von der Menschenmenge in die Arme eines jungen Mannes gedrängt wird. Liebe auf den ersten Blick! 
Berlin vor dem Ersten Weltkrieg. Die junge und mutige Paula setzt sich leidenschaftlich für Frauen- und Arbeiterrechte ein. Ihre Träume von einer neuen, gerechteren Welt teilt sie mit dem charismatischen Studentenführer Clemens, mit dem sie Seite an Seite kämpft. 
Damals, als sie unsterblich waren, beginnt ihre dramatische Geschichte, die auch die Geschichte unseres Landes ist und die Jahrzehnte später Alexandras Welt für immer verändern wird.“

Meine Meinung
Ich war sehr neugierig auf dieses Buch, denn ich kenne schon andere historische Romane der Autorin, die sie unter ihrem Pseudonym „Charlotte Lyne“ geschrieben hat. Und auch dieses Buch hat mich nicht enttäuscht, sondern mich in eine sehr interessante und bewegende Zeit entführt.

Das Buch hat zwei Erzählstränge – einen im Jahr 1989, als gerade die Mauer fällt und die Ostberlinerin Alexandra einem Mann in die Arme läuft, in den sie sich sofort verliebt und einen Erzählstrang der vor dem ersten Weltkrieg beginnt, und in dem man die junge Paula über mehrere Jahre begleitet, wie sie sich für die Frauen einsetzt und dem Charme des Studentenführers Clemens erliegt. 

Der Schwerpunkt des ganzen Buches liegt eindeutig auf der Geschichte der Vergangenheit und der Erzählstrang der 80er Jahre ist nur eine Rahmenhandlung. Wie die beiden Handlungen zusammenhängen, weiß man zu Beginn noch nicht, auch wenn ich da schon früh so eine Idee hatte, aber am Ende laufen die Stränge zusammen und alle Fragen werden geklärt.

Die Geschichte der Vergangenheit um Paula und ihre Freunde hat mich sehr berührt. Dadurch, dass man sie schon als Kind kennenlernt du sie dann in den weiteren Jahren begleiten darf, wachsen einem nicht nur Paula, sondern auch ihre Freunde und Mitstreiter sehr ans Herz. Die Figuren sind sehr lebensnah gestaltet und wirken so authentisch, dass ich sie immer vor Augen hatte und mich schon fast als Mitglied dieser illustren Truppe gefühlt habe. 

Die Zeit war für mich aus heutiger Sicht eine schreckliche, und trotzdem gab es Hoffnung und Lebensfreude und genau die hat man beim Lesen auch gespürt. Doch so wie die Stimmung in der ersten Hälfte des Buches noch zuversichtlich war, so hat sich die Atmosphäre in der zweiten Hälfte zunehmend gewandelt in eine bedrückte und manchmal sogar hasserfüllte. Damit hat die Autorin aber sehr gut eingefangen, wie Menschen damals empfunden und wie sie sich gefühlt haben, deshalb wirkt die Geschichte, die ein wunderbarer Spiegel unserer deutschen Geschichte ist, auch so glaubhaft und authentisch. 

Die Rahmenhandlung im Jahr 1989 wirkt dagegen leider sehr fahl und hat mir nicht gefallen, dabei hätte eigentlich auch diese Geschichte Potential gehabt. Mich aber konnte Alexandra überhaupt nicht überzeugen – ich fand sie blass und leider auch ein wenig abständig, sehr uinglaubwürdig in ihrer zurückhaltenden und beschämten Art, so dass ich mich in sie überhaupt nicht reinversetzen konnte und ihre Handlungen leider auch nicht verstanden habe.

Was mir aber gut gefallen hat, ist die Verknüpfung beider Handlungsstränge, auch wenn ich das Ende zu abrupt fand, ich mir mehr Entwicklung und vor allem noch einige Seiten mehr gewünscht hätte. 
Es ist ein tolles Buch über ein wichtiges Kapitel deutscher Geschichte, dass sich gut und flüssig lesen lässt, dabei aber vor allem durch die eindrucksvolle und immer zur Situation passenden Atmosphäre besticht. Es ist ein Buch über Liebe und Hass, über Hoffnung und Verzweiflung, über Mut und Feigheit – man kann lachen und weinen, aber vor allem mit den Figuren fühlen. Ich habe mich sehr wohl gefühlt in der Geschichte, ziehe nur einen Stern ab wegen des abrupten Endes und wegen der für mich nicht ganz ausgefeilten Rahmenhandlung im Jahr 1989.

Mein Fazit
Ein tolles Buch, das eindringlich und authentisch die Zeit rund um den ersten Weltkrieg beschreibt und mich als Leserin Teil der Geschichte werden lässt. Ich habe tolle Einblicke bekommen in die damalige Studentenschaft, in das politische Geschehen und auch in die Frauenbewegung, dabei habe ich die sympathischen Charaktere gerne begleitet. Nicht so gefallen hat mir der Erzählstrang aus dem Jahr 1989, der zwar viel Potential hatte, mich aber leider nicht berühren konnte, dabei ist die Verknüpfung beider Handlungsstränge aber sehr gelungen. Geschichtlich Interessierten würde ich dieses Buch auf jeden Fall empfehlen – es berührt, bringt zum Lachen und zum Weinen und am Ende ist man traurig, weil man die liebgewonnen Charaktere wieder verlassen muss.


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