[Rezension] Christina Baker Cline - "Der Zug der Waisen"

Christina Baker Cline - Der Zug der Waisen
Roman

Verlag: Goldmann-Verlag
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München
Umschlagabbildung: © Mark Owen /Trevillion Images unf FinePic®, München
ISBN-13: 978-3-442-31383-9
Seiten: 350 Seiten
Erschienen: 10. November 2014

Buchrückentext
„New York, 1929: Mit neun Jahren verliert Vivian Daly, Tochter irischer Einwanderer, bei einem Wohnungsbrand ihre gesamte Familie. Gemeinsam mit anderen Waisen wird sie kurzerhand in einen Zug verfrachtet und in den Mittleren Westen geschickt, wo die Kinder auf dem Land ein neues Zuhause finden sollen. Doch es ist eine Reise ins Ungewisse, denn nur die wenigsten von ihnen erwartet ein liebevolles Heim. Und auch Vivian stehen schwere Bewährungsproben bevor... Erst viele Jahrzehnte später eröffnet sich für die inzwischen Einundneunzigjährige in der Begegnung mit der rebellischen Molly die Möglichkeit, das Schweigen über ihr Schicksal zu brechen.“

Meine Meinung
Das Cover des Buches hat mich sehr angesprochen, der Klappentext dann zusätzlich neugierig gemacht – doch dass das Buch mich so berührt, hätte ich nicht gedacht. 

Erzählt wird die Geschichte auf zwei Zeitebenen, dabei liegt der Schwerpunkt aber eindeutig auf der Geschichte der Vergangenheit. Hier geht es um Vivien, eine jetzt 91jährige Dame, die beim Entrümpeln ihres Dachbodens immer wieder in Erinnerungen fällt: 1929 wurde sie als Waise in einem sogenannten „Waisenzug“ (Orphan train) durchs Land geschickt, dass eine andere Familie sich ihrer annimmt. Doch so einfach ist es nicht, eine liebevolle Familie zu finden, und Vivian lernt schnell, dass die Motive, ein Kind aufzunehmen, andere sind, als ihm eine liebevolle Umgebung zu schenken. 

In der Gegenwart ist Molly die Protagonistin, eine schwierige 17jährige, die keine Eltern mehr hat und so von Pflegefamilie zu Pflegefamilie wandert. Im Rahmen von auferlegten Sozialstunden landet sie bei Vivian, um ihr beim Entrümpeln des Dachbodens zu helfen. Und dabei lernt sie nicht nur Vivian näher kennen und schätzen, sondern auch einiges über ihr eigenes Leben.

Ein Großteil des Buches handelt von der Kindheit Vivians und das Thema Orphan trains hat mir sehr gut gefallen. Mir war dieser Teil amerikanischer Geschichte unbekannt, umso interessanter fand ich es, Näheres darüber zu erfahren. Man merkt schon beim Lesen, dass die Autorin sehr gut recherchiert hat, im Nachwort erhält man dann noch zusätzlich Informationen über die Waisenzüge, das ganze gespickt mit Bildern und kleinen Anekdoten. Die jetzt 91jährige Vivian ist mir beim Lesen so sehr ans Herz gewachsen, dass ich mit ihr gefühlt und gelitten habe. Nicht nur die Zeit im Zug war berührend und emotional, sondern viel mehr noch die Zeit Vivians in den verschiedenen Unterkünften, denn von liebevollen Familien konnte da wirklich nicht die Rede sein.  

Im Buch wechseln die Erzählstränge immer zwischen Gegenwart und Vergangenheit, und ich muss zugeben, dass mir Vivians Geschichte der Vergangenheit weitaus besser gefallen hat. Für mich hätte es die Rahmenhandlung mit Molly gar nicht geben müssen, auch wenn ist sie im Laufe der Geschichte dann doch noch ins Herz geschlossen habe. Doch ihre Geschichte hat mich weit weniger berührt, obwohl Molly eine tolle Entwicklung vom rebellierenden Teenager zur verantwortungsvollen jungen Frau zeigt. Sie hat in ihren jungen Jahren schon vieles durchmachen müssen und als Leser bekommt man auch in ihre – wenn auch junge – Vergangenheit verschiedene Einblicke. 

Geschickt hat die Autorin die beiden Erzählstränge immer miteinander verwoben und ist dabei auch immer ohne Cliffhanger ausgekommen. Gefesselt war ich trotzdem, denn die Geschichte ist so interessant, dass ich immer wissen wollte, wie es weitergeht, und so habe das Buch regelrecht verschlungen.

Der Schreibstil ist sehr angenehm zu lesen, manchmal wirkt er eher sachlich, lässt aber so der Geschichte Raum, selbst zu wirken. Es braucht gar nicht viele ausschweifende Beschreibungen, um Bilder vor meinem Auge hervorzurufen, allein die Geschichte wirkt und hat bei mir ein Kopfkino entstehen lassen.

Was mir nicht so gut gefallen hat, ist das Ende des Buches. Hier ging mir alles plötzlich ein bisschen zu schnell und zu glatt. Zwar ist das Ende schlüssig und irgendwie auch passend, aber ich hätte mir auch hier ein bisschen mehr Raum gewünscht, dass sich auch dieser Teil der Geschichte entwickeln kann. So wirkte der Schluss auf mich ein bisschen wie „schnell zu Ende gebracht und hinten dran gehangen“.

Doch das ist nur ein kleiner Wermutstropfen und hat meiner Lesefreude kaum Abbruch getan. Berührend und fesselnd war die Geschichte, die ein für mich unbekanntes Thema amerikanischer Geschichte aufgegriffen hat und mir mit einer sehr sympathischen Protagonistin nähergebracht hat.  

Mein Fazit
Auf jeden Fall eine Leseempfehlung von mir! In einem angenehmen Schreibstil erzählt die Autorin die Geschichte Vivians, die als Waise in den 30er Jahren in einem der amerikanischen „Orphan trains“ durchs Land geschickt wird, um eine neue Familie zu finden. Das Thema ist nicht nur interessant, sondern Vivians Geschichte fesselt und berührt. Ich habe sie gerne begleitet, mit ihr gelitten und geweint und das Buch innerhalb kürzester Zeit verschlungen. Einen halben Stern Abzug gibt es von mir nur wegen des für mich überhasteten Endes, dennoch bleibt das Buch absolut lesenswert und würde es auf jeden Fall empfehlen.


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