[Rezension] Siri Hustvedt - "Was ich liebte"

Siri Hustvedt - Was ich liebte
Gegenwartsliteratur

Verlag: rororo
Umschlaggestaltung: any.way; Cathrin Günther
Umschlagfoto: Agentur FOCUS/ © Inge Morath/Magnum Photos
ISBN-13: 978-3-49923-309-8
Seiten: 477 Seiten
Erschienen: 1. April 2004

Zum Inhalt 
Über einen Zeitraum von ca. 30 Jahren erzählt der Kunsthistoriker Leo Hertzfeld von seinem Leben, wie er seine Frau Erika kennenlernt, die beiden sich mit dem Künstlerehepaar Bill und Lucille Wechsler anfreunden, deren Ehe geschieden wird und Violet die neue Frau an Bills Seite wird. Die Kunst ist der Mittelpunkt der beiden Künstler-Ehepaare, bis sie selber Kinder kriegen und sich der Schwerpunkt verlagert. Doch das Schicksal meint es nicht gut und reißt ein großes Loch in die bislang glückliche Gemeinschaft, ein tragischer Unfall zerstört jäh das Glück der beiden Paare. 

Leseeindruck
Es ist jetzt schon ein paar Tage her, dass ich das Buch gelesen habe, und dennoch weiß ich immer noch nicht so recht, wie ich es bewerten soll. Es war nicht mein erstes Buch von Siri Hustvedt und ich wollte es unbedingt mögen, doch der Einstieg in den Roman ist mir sehr schwer gefallen. 

In der ersten Hälfte geht es vor allem um die beiden Künstlerpaare Leo und Erica sowie Bill und Lucille. Man lernt die Figuren kennen, ihre Leben, wie sie abgeschottet von der normalen Welt die Kunst als Mittelpunkt sehen, ihre Liebe und ihre Freundschaft. Beeindruckend ist die langsame Charakterisierung der Figuren, die sehr plastisch und authentisch beschrieben sind, mir aber dennoch irgendwie fremd bleiben. Das mag aber auch an der Künstlerszene liegen, die ich zwar interessant finde, die mich aber nicht begeistern kann. Und leider passiert in dieser Zeit auch nicht viel, so dass die erste Hälfte des Romans vor allem aus Beschreibungen besteht. 

Das Ganze ist aus Sicht von Leo erzählt und ich fand es beachtlich, dass eine weibliche Autorin so glaubhaft als männlicher Ich-Erzähler eine Geschichte erzählen kann. Die beiden Paare kriegen Kinder und ab dann wurde es auch für mich interessanter. Hier ist die Kunst zwar immer noch ein wichtiges Thema, doch zunehmend liegt der Schwerpunkt auf der Geschichte auf Mark, dem Sohn von Bill und Lucille, der in seiner psychischen Krankheit sich selbst zu verlieren scheint trotz aller Bemühungen seiner Familie und Freunde. Die zweite Hälfte liest sich für mich viel flüssiger, es passiert etwas, es ist spannend, und der Roman ähnelt in Abschnitten einem Thriller.

So bin ich also sehr zweigespalten, wie ich das Buch als Ganzes finden soll.

Dabei liest sich die Geschichte wirklich gut, der Schreibstil ist angenehm, fordernd und dennoch leicht zu lesen. Nur leider verliert sich die Autorin immer wieder in der Beschreibung von Kleinigkeiten, von denen man aber zunächst nicht weiß, ob sie nicht doch für die Geschichte wichtig sind, so dass ich auch diese konzentriert gelesen habe. Gerade die Beschreibungen der Kunstwerke, verschiedener Bilder oder auch anderer Kunstobjekte nimmt viel Raum in Anspruch – für den einen mag das sehr bereichernd und interessant sein, für mich leider eher langatmig und in dieser Detailverliebtheit einfach zu viel. 

Genauso tauchen – gerade am Anfang - immer wieder neue Personen auf, die mit ihren Verhaltensweisen dann ebenfalls detailliert beschrieben werden – doch auch hier ist es leider so, dass – egal in welcher Genauigkeit sie skizziert werden – sie nicht immer eine wichtige Rolle für das Buch und die Handlung einnehmen. So entstehen zwar viele, sehr gut gezeichnete und durchdachte Charaktere, doch das hat meinen Lesespaß in der ersten Hälfte doch deutlich gemindert. 

In der zweiten Hälfte kam ich dann viel besser zurecht – die Geschichte hatte mich gefangen und gefesselt, ich fand das Thema um den psychisch kranken Mark sehr spannend und konnte mich in die Geschichte reinfallen lassen. Auch wenn sie oft deprimierend und traurig war, hat mir die Atmosphäre in diesem Teil wirklich gut gefallen.

Auf der einen Seite bin ich nun froh, das Buch gelesen zu haben, denn es hatte auch spannende Aspekte, vor allem aber interessante Charaktere. Auf der anderen Seite jedoch habe ich mich gerade in der ersten Hälfte schon ziemlich durchgequält und war auch das eine oder andere Mal kurz davor, das Buch abzubrechen. Zum Glück habe ich das nicht getan, denn die zweite Hälfte hat mich überzeugt – und noch lange habe ich über Leo und Mark und auch über andere Figuren nachgedacht.

Mein Fazit
Ich bin zwiegespalten – konnte mich die erste Hälfte des Buches mit seinen langen und detailverliebten Beschreibungen von Kunstobjekten, Menschen und ihren Gedanken leider gar nicht fesseln, war die zweite Hälfte dann spannend und sehr interessant. Hier stehen vor allem der psychisch kranke Mark, sein Handeln und die Auswirkungen auf seine Familie im Vordergrund. Vielleicht muss man den eher ausufernden Schreibstil der Autorin mögen und auch etwas für die Künstlerszene übrighaben, um dieses Buch in Gänze zu mögen. Beachtlich fand ich die wirklich sehr gut ausgearbeiteten Charaktere und die Atmosphäre, die die Autorin zu schaffen weiß. Ich würde das Buch nur eingeschränkt empfehlen, kann aber die Begeisterung anderer Leser sehr gut nachvollziehen. 

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