[Rezension] Victor Jestin - "Der Tanzende"

Victor Jestin - Der Tanzende
Gegenwartsliteratur
 

 Originaltitel: „L’homme qui danse“ (2022)
 Übersetzung: Sina de Malafosse
 ISBN-13: 978-3-036-95898-9
 Seiten: 206 Seiten
 Erschienen: 28.2.2023
 Umschlaggestaltung: Hannes Aechter, Berlin 

   
Buchrückentext
„Nur zwischen Menschen auf er Tanzfläche, wummernden Bässen und dem Glitzern der Discokugel verfliegt Arthurs Unsicherheit. Im La Plage findet er seine Welt, während mehr als zwanzig Jahren kommt r hierher, lernt, sich anderen nahe zu fühlen, loszulassen – er selbst zu sein? Doch viele aus seinem Umfeld ziehen an ihm vorbei, tun, was von ihnen erwartet wird, während Arthur weiterhin das tut, was ihn ausmacht: Tanzen.“ 

Meine Meinung
Mir hatte „Hitze“ von Victor Jestin sehr gut gefallen, daher habe ich zu diesem Buch gegriffen – sein schriftstellerisches Talent ist auch hier sofort erkennbar, der Plot hat mir aber leider nicht so gut gefallen. 

Alles beginnt im „La Plage“, einem Club in einer Kleinstadt an der Loire. Als Kind empfindet Arthur diesen Ort während eines Geburtstags als bedrückend, eine Art starre Kulisse, die ihn eher abstößt als einlädt. Doch mit den Jahren wandelt sich dieses Unbehagen in eine obsessive Form der Zugehörigkeit. Während seine Freunde erwachsen werden, die Stadt verlassen und sich in der Realität behaupten, verharrt Arthur: Er wird zum besten Tänzer des Clubs, passt sich den ungeschriebenen Gesetzen der Tanzfläche an und verbringt schließlich fast jede Nacht unter der Diskokugel. Für ihn wird dieser künstliche Raum zum eigentlichen Leben, in dem er auf die große Liebe hofft, während die Welt draußen an ihm vorbeizieht.

Ich muss gestehen, dass mir die Bewertung dieses Romans schwerfällt. Es gibt fast nichts an der Geschichte, das mich inhaltlich angesprochen hat; weder die Figuren noch die Entwicklung des Plots konnten mich überzeugen. Es ist eine bunt schillernde Tristesse, die mich seltsam leer zurücklässt. Dennoch spürte ich den sprachlichen Sog, der sehr intensiv war und mich „bei der Stange“ gehalten hat. Es zeugt von einer bemerkenswerten schriftstellerischen Qualität, wenn ein Autor mich trotz meines völligen Desinteresses für den Stoff so konsequent beim Lesen halten kann.

Arthur als Protagonist blieb mir bis zuletzt fremd und egal. Seine als Kind vorherrschende Unsicherheit weicht im Laufe der Erzählung, die über ca. 30 Jahre geht und in Episoden Arthurs Leben einfängt, einer Reduktion auf das bloße Äußere. Fitness und Markenkleidung werden zu Arthurs Lebensinhalt, was ich kaum nachvollziehen konnte. Er wirkt wie ein Getriebener, der im Club nach Anerkennung und Liebe sucht, gleichzeitig aber vor sich selbst flüchtet. Eine echte persönliche Entwicklung konnte ich bei ihm nicht ausmachen; er verharrt in seiner Fixierung, was den Zugang zu seinem Charakter für mich zusätzlich erschwerte.

Die Stärke des Werkes liegt eindeutig im Schreibstil. Obwohl mir die subtile Spannung, die mir in Jestins Roman „Hitze“ so gut gefallen hatte, hier fehlte, erzeugt die Sprache einen unglaublichen Sog. Am Ende blieb ich jedoch mit der Frage zurück, was mir der Autor eigentlich vermitteln wollte. Ist es die Suche nach Geborgenheit, das völlige Sich-Verlieren in einer Sache oder die Flucht vor den Erwartungen des Lebens? Der literarische Reiz steht hier in einem harten Kontrast zu einer Aussage – das lässt mich ratlos zurück.

Mein Fazit
Ein sprachlich sehr gut konstruierter Roman, der eine beklemmende Atmosphäre heraufbeschwört, mich inhaltlich jedoch vollkommen distanziert zurückließ. Trotz der fehlenden Sympathie gegenüber dem Protagonisten und seiner stagnierender Entwicklung entfaltet der Text eine Sogwirkung, der ich mich schwer entziehen konnte. 

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