[Rezension] Suzie Miller - "Inter Alia"

Suzie Miller - Inter Alia
Gegenwartsliteratur
 

 Originaltitel: „Inter Alia“ (Mai 2026)
 Übersetzung: Katharina Martl und Anne Flückiger
 Verlag: Kjona-Verlag   
 ISBN-13: 978-3-910-37290-0
 Dauer: 529 Minuten
 Erschienen: 18.9.2026
 Sprecherin: Mona Fischer

   
Zum Inhalt
„Tagsüber flößt Richterin Jessica Parks Sexualstraftätern – und ihren Anwälten – in London Respekt ein. Fall für Fall entlarvt sie, wie Männer die Gesetze zugunsten von Männern auslegen. Abends ist sie die überforderte Mutter eines siebzehnjährigen Sohnes, der in der Schule gemobbt wird. Als man Harry vorwirft, eine Mitschülerin vergewaltigt zu haben, stürzt Jessica in einen schier unaushaltbaren Konflikt. Zeit ihres Lebens kämpft sie dafür, dass wir als Gesellschaft den Opfern Glauben schenken. Aber ihr Sohn schwört auf seine Unschuld. Und sie fühlt sich verpflichtet, ihm beizustehen.“ (Quelle: Verlagsseite)

Meine Meinung
Jessica hat sich in London als erfolgreiche Richterin einen Namen gemacht und entlarvt vor Gericht immer wieder, wie sehr Gesetze zugunsten von Männern ausgelegt werden. Doch abseits der Robe ist sie eine überforderte Mutter, deren siebzehnjähriger Sohn Harry in der Schule unter Mobbing leidet. Als Harry plötzlich beschuldigt wird, eine Mitschülerin vergewaltigt zu haben, gerät Jessicas gesamtes Fundament ins Wanken. Zeit ihres Lebens hat sie unerbittlich dafür gekämpft, Opfern Glauben zu schenken. Nun beteuert ihr eigener Sohn verzweifelt seine Unschuld – und Jessica steht vor einer schweren Entscheidung.

Suzie Miller nimmt sich reichlich Zeit für den Aufbau des Plots, sodass sich für mein Empfinden in der ersten Hälfte einige Längen ergeben haben. Viele Details wurden sehr ausführlich erzählt – das Aufwachsen von Harry, seine Probleme in der Schule, auch Jessicas Kraftseilakt, sowohl der Familie, dem Job und sich selber gerecht zu werden und schließlich spielt auch immer wieder ein Konkurrenzgedanke zu ihrem Mann hinein, weil eben sie beruflich erfolgreicher ist; das hätte es in dieser Detailtiefe nicht gebraucht, insbesondere da die Grundkonstellation bekannt ist. Schade fand ich auch, dass die Autorin hier ein sehr ähnliches Setting wählt wie in ihrem Vorgängerwerk – erneut geht es um eine Juristin und das Thema Gewalt an Frauen; ohne Frage, ein sehr wichtiges Thema. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, ob die Autorin auch noch „andere Themen kann“, denn gerade den schmalen Grad moralischer Themen beherrscht sie wirklich gut. 

Sobald die Geschichte aber erst einmal Fahrt aufnimmt, wird es fesselnder und gerade im Mittelteil zeigt sich eine enorme Komplexität. Die psychologische Frage, wie wir reagieren, wenn felsenfeste Prinzipien durch persönliche Betroffenheit plötzlich auf die Probe gestellt werden, hat mich dann richtig gepackt und prägt das Ende, das letztlich Raum für eigene Gedanken lässt.

Die Charaktere und vor allem das moralische Dilemma sind sehr gut ausgearbeitet. Die Protagonistin Jessica ist eine Frau fernab meiner eigenen Lebenswelt, sodass ich mich sowohl in ihre Rolle als Richterin als auch als Mutter nicht wirklich hineinversetzen konnte. Sie war mir als Figur auch nicht unbedingt sympathisch. Dennoch ist sie absolut authentisch gezeichnet: Man spürt in jedem Moment die liebevolle Mutter und vor allem diese zerreißende Spannung zwischen ihren Rollen als Richterin, Ehefrau und eben Mutter. Das Wanken ihrer Überzeugungen ist wirklich feinfühlig und packend dargestellt.

Das Ende des Romans kommt dann für mein Empfinden recht spontan. Da das Thema Moral und deren Kontextabhängigkeit extrem vielschichtig ist, hätte ich mir für den Ausklang einfach noch etwas mehr Raum und Ausarbeitung gewünscht.

Sprecherin Mona Fischer liest das Hörbuch wirklich gut, bringt die angespannte Atmosphäre gekonnt rüber und verleiht der zerrissenen Stimmung der Protagonistin genau den richtigen Ton.

Wieder ein Hörbuch, das nachhallt und dass das Dilemma aufzeigt, wenn moralische Prinzipien ins Wanken geraten.

Mein Fazit
„Inter Alia“ ist ein intensives Hörbuch über ein schmerzhaftes moralisches Dilemma und die Frage, wie standhaft eigene Werte im Ernstfall wirklich sind. Nach einem etwas zähen Start entfaltet die Geschichte einen emotional mitreißenden Mittelteil, der trotz eines etwas abrupten Endes lange nachhallt. Eine vielschichtige und hörenswerte Lektüre über Mutterliebe, Gerechtigkeit und Risse in eigentlich sicheren eigenen Überzeugungen.

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