12. Oktober 2026

[Rezension] Dirk Gieselmann - "Zeit ihres Lebens"

Dirk Gieselmann - Zeit ihres Lebens
Gegenwartsliteratur
 

 Verlag: Hörbuch Hamburg              
 ISBN-13: 978-3-844-94314-6
 Dauer: 344 Minuten
 Erschienen: 31.7.2025
 Sprecher: Thomas Arnold

   
Zum Inhalt
„Die Liebe adelt jedes Leben. Auch jenes von Frieda und Georg, zwei Menschen, die sie nicht gesucht haben, aber von ihr gefunden wurden. Frieda ist Grundschullehrerin, Georg Vertreter für medizinische Geräte. Als sie sich das erste Mal unverhofft begegnen, ist Georg sich sicher: Diese unbekannte Schöne ist seine große Liebe – und nicht die Frau, die er auf seinen Handelsreisen jeden Abend pflichtschuldig anruft. Und auch Frieda kann sich den groß gewachsenen Mann nicht aus dem Kopf schlagen. Als sie einander nach fieberhafter Suche schließlich wiederfinden, unterbreitet Frieda Georg ihren Plan: Sie können zusammen sein – in einem Leben außerhalb des Lebens, in dem einzig die Gegenwart herrscht, keine Vergangenheit, keine Zukunft. Nicht nur, um unentdeckt zu bleiben, sondern auch, um ihre Liebe so rein und schön zu halten wie im ersten Moment. Nur so, sagt sie, sei es möglich. Georg willigt ein, und ihre Geschichte beginnt.“ (Quelle: Verlagsseite)

Meine Meinung
Frieda führt als Grundschullehrerin ein ruhiges, unauffälliges Leben, während Georg als Vertreter für Medizingeräte durchs Land reist und zu Hause eine mehr oder weniger glückliche Ehe führt. Als sich die Wege der beiden völlig unverhofft kreuzen, ist es um beide geschehen. Doch Frieda knüpft an eine gemeinsame Zukunft eine ganz besondere Bedingung: Ihre Liebe soll abseits ihres normalen Alltags existieren – ohne Blicke in die Vergangenheit, ohne Pläne für die Zukunft und losgelöst von Verpflichtungen. Georg lässt sich darauf ein, und so beginnt eine jahrzehntelange, heimliche Geschichte voller leiser Momente, zaghafter Blicke und schmerzhafter Distanz.

Für mich war das Buch emotional eine emotionale erst Tal, dann Bergfahrt. In der ersten Hälfte, in der es vor allem um das Kennenlernen und die Gestaltung ihrer Affäre geht, war ich nicht richtig gefesselt und konnte das Konstrukt, das die beiden für ihre Liebschaft vereinbaren, nicht richtig verstehen und nachvollziehen. Das hat mich zum Teil wütend auf Georg gemacht, obwohl doch Frieda eigentlich genau diesen in meinen Augen abstrusen Vorschlag macht. Georg scheint sich aus seinen beiden Welten immer das Beste zu nehmen, er hält sein Familienleben aufrecht und Frieda hin. Frieda hat sich diesen Weg so gewünscht, und doch leidet sie in ihren einsamen Momenten. Ihr gesamtes Dasein scheint sich nur um die wenigen, kostbaren Stunden mit Georg zu drehen. Dass sie sich dieser Liebe so bedingungslos hingibt und sie nicht hinterfragt, hat mich beim Hören enorm beschäftigt. Erst der zweite Tiel hat mich richtig gepackt – aber dazu gleich mehr.

Die Charaktere sind sehr nahbar gezeichnet. Frieda habe ich tief in mein Herz geschlossen und intensiv mit ihr gefühlt. Es war wunderschön mitzuerleben, wie sie durch diese Liebe aufblüht, aber genauso schmerzhaft war es, wenn die gemeinsamen Stunden endeten und sie wieder in die zugegebenermaßen frei gewählte Einsamkeit zurückfiel. Auch das Reden der Nachbarn über „die, die keinen Mann abbekommen hat“, ging mir nah – obwohl sie im Beruf keineswegs unsicher ist und Haltung zeigt. Georg ist auf eine Art sympathisch, und ich habe ihm seine aufrichtige Liebe zu Frieda absolut abgekauft, dennoch fiel es mir schwer, sein paralleles Leben gutzuheißen.

Während mich der Beginn emotional oft wütend zurückließ, hat mich die zweite Hälfte tief berührt. Hier wird spürbar, wie einsam ein Mensch sein und wie er dennoch mit sich im Reinen sein kann – und damit meine ich Frieda, nicht Georg. Was da genau geschieht, verrate ich natürlich nicht, dass es aber eine Wendung gibt, kann man sich schon denken. Frieda hat mich mit ihren Entscheidungen und den daraus resultierenden Konsequenzen sehr bewegt, beschäftigt und vor allem auch mitleiden lassen. Am Ende bleibt dann aber doch ein ganz warmes Gefühl im Bauch zurück – gepaart mit dem schmerzhaften Wissen, dass auch dieser Frieden wieder nur ein kurzer Moment ist.

Der Schreibstil ist eher einfach gehalten, aber unheimlich emotional, ohne je kitschig oder blumig zu wirken. Ich mochte diese Art, die Geschichte von Frieda und Georg zu hören – der Stil lenkt nicht ab, sondern setzt den Fokus auf das, was wichtig ist.

Sprecher Thomas Arnold macht seinen Job hervorragend. Er bringt Georgs inneres Hin- und Hergerissensein sehr authentisch auf den Punkt und trägt die Geschichte mit seiner sehr angenehmen Stimmfarbe wunderbar durch alle Höhen und Tiefen.

Ein Buch, das mich in der zweiten Hälfte sehr berührt, in der ersten dagegen eher wütend zurückgelassen hat – auf jeden Fall eine Berg- und Talfahrt der Gefühle für mich.

Mein Fazit 
„Zeit ihres Lebens“ ist ein leises, berührendes Hörbuch über eine ungewöhnliche Liebe und die Kunst, mit dem eigenen Schicksal im Reinen zu sein. Obwohl mich das Verhalten der Figuren in der ersten Hälfte emotional stark gefordert hat, entfaltet die Geschichte im weiteren Verlauf eine tiefgreifende, melancholische Kraft. Eine bewegende Lektüre über die großen, leisen Momente des Lebens.


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